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Bericht vom Medienhistorischen Forum 2022

Eine gutgelaunte Runde traf sich am 11. November zum interdisziplinären Austausch über neue medienhistorische Forschungsprojekte via Videoschalte. Wieder dabei waren Erik Koenen und Christian Schwarzenegger von der Fachgruppe Kommunikationsgeschichte der DGPuK sowie Jo Marie Dominiak und  Annika Keute von der Nachwuchsgruppe Kommunikationsgeschichte, die sich mit dem neuen Label „New Age Kommunikationsgeschichte“ seit Kurzem von dem etwas in die Jahre gekommenen Begriff des „Forschungsnachwuchses“ entfernen und auf die Karrierebedingungen an deutschen Hochschulen ein kraftvolles, neues Statement für die Mediengeschichte setzen. Der Studienkreis Rundfunk und  Geschichte war u.a. mit Uwe Breitenborn, Christoph Classen, Kiron Patka und Christoph Rosenthal vertreten.

Ferdinand Klüsener promoviert am Institut für Theaterwissenschaft der Ruhr-Universität Bochum und trug zum Thema „Radio und Schizophrenie“ vor. Klüsener möchte das von Gilles Deleuze und  Félix Guattari 1972 entwickelte Konzept der Schizoanalyse im Hinblick auf eine neue Radiotheorie untersuchen. Am DFG-Graduiertenkolleg „Literatur und Öffentlichkeit in differenten Gegenwartskulturen“ der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg forscht Eyk Akansu zur Publizität von Lyrik in der DDR. Schwerpunktmäßig beforscht er die von 1967 bis 1990 monatlich erschienene Lyrikreihe „Poesiealbum“ und untersucht die internen bürokratischen Diskurse und Verfahren, die zur Druckgenehmigung oder Ablehnung von Texten geführt haben. Wie der nationalsozialistische Film mit historischen Themen umgegangen ist, untersucht Daniel Körling im Rahmen des DFG-Projekts „Bilder, die Folgen haben – Eine Archäologie ikonischen Filmmaterials aus der NS-Zeit“. Dabei interessiert ihn insbesondere, inwieweit sich zeitgenössische filmtheoretische Schriften im Historischen Film niedergeschlagen haben und welchen Quellenwert der Historische Film für heutige Forschungen besitzt. Mit heutiger Geschichtsvermittlung beschäftigt sich Clara Ödén, die im Bereich Didaktik der Geschichte am Fachbereich 05 der Universität Kassel promoviert. Ihr Hauptgegenstand sind sogenannte Erklärvideos auf youtube, die sich allesamt um Vermittlung von Wissen zur Französischen Revolution bemühen. Produziert oft jenseits institutionalisierter Produktionshintergründe, erreichen solche Filme mitunter hunderttausendfache Abrufzahlen und damit enorme Reichweite. Aus Wien zugeschaltet stellten Elias Berner und Birgit Haberpeuntner ihr Postdoc-Projekt zum österreichischen Nachkriegsradio vor. Gemeinsam leiten sie das interdisziplinäre Projekt „The Affective Construcion of National Temporalities in Austrian Postwar Radio (1945-55)“ und untersuchen in ihrer digital gestützten Forschung den Sound der beiden konkurrierenden österreichischen
Nachkriegssender RAVAG und Rot-Weiß-Rot. Die RAVAG war sowjetisch kontrolliert, Rot-Weiß-Rot eine amerikanische Neugründung. Die inzwischen digitalisierten, sehr heterogenen Bestände wurden 2016 ins UNESCO-Weltdokumentenerbe aufgenommen. Die Forscher*innen wollen mit ihrem Projekt Zugänge zu signifikanten Tönen, aber auch zur historischen Programmerfahrung insgesamt herstellen.

Weitere Infos zum Programm des Medienhistorischen Forums 2022

Kai Knörr

Auch 2022 hat das im Medienhistorische Forum wieder Forscher*innen aus vielfältigsten Themenbereichen und Disziplinen zusammengebracht.

Programm zum Medienhistorischen Forum am 11.11.22 (online)

Freitag, 11. November 2022

09:50 Anmeldung der Teilnehmenden, Technik-Einrichtung im Zoom-Raum

10:00 Begrüßung und Vorstellungsrunde

10:10 Ferdinand Klüsener (Ruhr-Universität Bochum): Radio und Schizophrenie. Zur Radiotheorie der Schizoanalyse

10:45 Eyk Akansu (Friedrich-Alexander-Universität Nürnberg): Publizität von Lyrik in der DDR. Das Poesiealbum im Spiegel seiner Druckgenehmigungsgutachten

11:20 Daniel Körling (Filmuniversität Babelsberg): Der Historische Film im Nationalsozialismus

11:55 Mittagspause/Offenes Zoom-Café

12:45 Clara Ödén  (Universität Kassel): Digitale Geschichtskultur – Erklärvideos als Bestandteil aktueller Geschichtskultur

13:20 Dr. Elias Berner (Universität für Musik und Darstellende Kunst Wien)/Dr. Birgit Haberpeuntner (Universität Wien): Projektvorstellung Acontra: Die Analysen von auditiven Radioquellen im Spannungsfeld von Medien-, Musik-, und Geschichtswissenschaft [/The Affective Construcion of National Temporalities in Austrian Postwar Radio (1945-55)]

13:55 Abschließende Diskussion, Fazit

14:10 Abmoderation, Ende

Anmeldung zur Zoom-Veranstaltung über

Kai Knörr, Univeristät Potsdam/Studienkreis Rundfunk und Geschichte, knoerr@uni-potsdam.de

Weitere Infos zum Medienhistorischen Forum 2022

Noch freie Plätze im Medienhistorischen Forum am 11. und 12. November 2022! Einreichungsfrist verlängert

  • Medienhistorisches Forum für Nachwuchswissenschaftler*innen
  • Termin: 11. und 12. November 2022, online
  • Einreichungsfrist: 15. September 2022 neue Frist: 17. Oktober 2022

Das Medienhistorische Forum des Studienkreises Rundfunk und Geschichte existiert seit 1973 und versteht sich als Plattform, um Nachwuchswissenschaftler*innen mit Forscher*innen verschiedener Disziplinen und insbesondere mit Vertreter*innen aus der Kommunikations- und Mediengeschichte, Rundfunkanstalten und Medienarchiven zu vernetzen. In freundlicher und produktiver Atmosphäre werden Themen der Medien- und Kommunikationsgeschichte aus der gesamten Breite des Forschungsfeldes diskutiert. Nachwuchswissenschaftler*innen laden wir ein, sich mit ihren aktuellen Forschungsprojekten zu bewerben.

Beispielhafte Themenfelder sind:

  • Geschichte und Entwicklung von Hörfunk, Fernsehen, Publizistik und Journalistik, Fotografie, Onlinemedien, Musikmedien oder anderen Einzelmedien und Mediengattungen
  • Geschichte der Kommunikations- und Medienpolitik: Institutionen, Prozesse, Personen
  • Mediatisierung und Medialisierung von Gesellschaft und gesellschaftlichen Teilbereichen
  • Medienöffentliche Diskurse und Medienöffentlichkeiten im Wandel
  • Vergangene, tradierte und neue Praktiken der Medienproduktion und Medienrezeption
  • Geschichte der Rezeptionsforschung, Zuschauerforschung, Sozialforschung der Medienkommunikation
  • Forschung zur Technikgeschichte und Materialität der analogen und digitalen Medien
  • Einzelanalysen und Fallstudien zu Formaten, Sendungen, Personen
  • Innovative Ansätze der Methoden- und Theoriebildung von Kommunikationsgeschichte und Medienkulturwissenschaft (z.B. digitale Methoden, Nostalgie-Konzepte)
  • Erinnerungskultur und Medien

Die vorgestellten Papers müssen und sollen keine abgeschlossenen Projekte abbilden. Konkrete Projektskizzen sollten aber dennoch vorhanden sein, so dass wir auf hohem Niveau über die Themen, Gegenstände, Quellen, Methoden oder theoretischen Ansätze der Vorhaben diskutieren können. Einreichungen in englischer Sprache sind möglich. Das Forum richtet sich neben Promovierenden und Habilitierende auch an MA-Absolvent*innen, die bspw. auf Grundlage ihrer Abschlussarbeit ein Dissertationsthema entwickeln wollen.

Einreichung und Review-Verfahren

Zur Bewerbung reichen Sie bitte ein Exposé ein, das die Grundlinien des geplanten Vorhabens und Vortrages umreißt und ungefähr zwei Seiten Text (max. 6.000 Zeichen inklusive Leerzeichen, plus Literaturangaben) umfassen soll.

Geben Sie in Ihrem Exposé bitte keine Angaben zu Ihrer Person an, sondern reichen Sie ein zusätzliches Deckblatt mit Ihren Kontaktdaten und Titel als einzelne Datei ein. Senden Sie Ihr Exposé und das Deckblatt bis zum 17.10.2022 an Susanne Hennings (DRA), susanne.hennings@dra.de.

Die Auswahl der Vorträge findet in einem anonymisierten Review-Verfahren durch die Veranstalter*innen statt. Deshalb sollten alle Angaben zur Person nur auf dem Deckblatt des Exposés platziert sein und die Dateien frei von identifizierenden Metadaten.

Die Veranstaltung wird 2022 aufgrund der Pandemiesituation online stattfinden.

Ansprechpartner*innen für Rückfragen sind

Veranstalter*innen

Das Medienhistorische Forum wird veranstaltet vom Studienkreis Rundfunk und Geschichte in Kooperation mit der Fachgruppe Kommunikationsgeschichte der DGPuK und dem Forum [na]KOGE: New Age der Kommunikationsgeschichte.

Logo Studienkreis Rundfunk und Geschichte

Studienkreis Rundfunk und Geschichte
Vorsitzende: Dr. Kai Knörr, Prof. Dr. Golo Föllmer

Logo DGPuK

Fachgruppe Kommunikationsgeschichte der DGPuK
Sprecher: Dr. Erik Koenen, Dr. Christian Schwarzenegger

Logo naKOGE

[na]KOGE: New Age Kommunikationsgeschichte
Sprecher*innen: Simon Sax, Annika Keute, Jo Marie Dominiak

CfP: ›Happy Birthday, Auntie!‹ – 100 Jahre BBC und der europäische Rundfunk (Jahrestagung 2022)

Jahrestagung des Studienkreises Rundfunk und Geschichte

Tagungsort: Universität Potsdam und Online, 25. + 26.11.2022

Marconi Type A Mikrofon (Quelle: BBC100)

Der ›Studienkreis Rundfunk und Geschichte‹ ruft zum 100jährigen Bestehen der British Broadcasting Corporation zu einer Tagung auf, die die Bedeutung der BBC im europäischen Kontext untersucht.

Wir suchen Beiträge, die beleuchten, welche Rolle die erste öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalt der Welt, vom Publikum einst liebevoll ›Auntie‹ genannt, für die Entwicklung des Public Service-Gedankens, für medienstrukturelle Weichenstellungen sowie für Vielfalt und Offenheit elektronischer Medienangebote in Großbritannien und in anderen Ländern spielte und bis heute spielt.

Die stolze Tradition der BBC seit 1922 bedeutet auch eine gesunde Beharrlichkeit gegenüber Volten des politischen Kräftespiels. Und doch scheint die BBC heute existenziell bedroht zu sein. Im Umfeld digitaler Medienwelten wird—nicht nur in Großbritannien—das ›Rundfunk‹-Modell immer öfter als veraltet beurteilt und sieht sich mit vielfältigen medialen, infrastrukturellen und kulturpolitischen Herausforderungen konfrontiert.

In unserer Tagung blicken wir aus der Außenperspektive auf die Geschichte und Bedeutung der BBC, die nicht allein die nüchternen Fakten, sondern auch jenes szenische und anekdotische Material beinhalten soll, aus dem der ›Mythos BBC‹ entstanden ist.

Folgende Themengebiete stehen im Fokus:

  • Inwiefern prägte ›Public Service Broadcasting Made in Great Britain‹ journalistische, kulturelle und medienpolitische Standards in Europa, und inwiefern gingen Konzepte anderer Länder in das britische Modell ein?
  • Wie bezogen Rundfunkanstalten anderer Länder Stellung auf die durch die BBC begründete Tradition des ›Public Service‹?
  • Inwiefern gleichen und unterscheiden sich die wechselvollen Rollen der BBC als (medien-)politisches Vorbild und Feindbild in kulturellen und politischen Debatten von Rollenbildern der Rundfunkanstalten anderer Länder?
  • Welche Spannungsfelder gab es im Verhältnis Politik und BBC? Gibt es Unterschiede zu anderen Ländern?
  • Welche Rolle hatte die BBC in medialen Umbruchsituationen, etwa in der Auseinandersetzung mit Offshore-Sendern wie ›Radio Northsea International‹ und der folgenden Einrichtung von Pop-Wellen in ganz Europa?
  • Wie reagierte die BBC und Rundfunkeinrichtungen anderer Länder auf die Öffnung der Rundfunklandschaft für kommerziellen Rundfunk und nichtkommerzielle ›Gegenöffentlichkeiten‹?
  • Welche Strahlkraft besaß und besitzt der Auftrag, „Information, Bildung, Unterhaltung“ für alle gleichermaßen zugänglich zu machen, international?
  • Wie läuft der britische ›Charter Renewal Process‹ ab. Lässt er sich mit medienpolitischen Prozessen in Deutschland, z.B. die Novellierungen des bundesdeutschen ›Medienstaatsvertrags, oder ähnlichen Prozessen in anderen Ländern vergleichen?‹
  • Welche Rolle spielten und spielen Auslandssender wie der ›BBC World Service‹ oder die ›Deutsche Welle‹ in der Ausübung des Public Service-Gedankens, aber auch im Kontext kolonialer und postkolonialer Bestrebungen und der Vorstellung europäischer Superiorität?
  • Wie wurde die Geschichte und der Mythos BBC in deutschen Medien verarbeitet?

Wir freuen uns auf Beiträge zu diesen und weiteren Themen im skizzierten Feld.

Beiträge können in deutscher und englischer Sprache eingereicht und vorgetragen werden.

Einreichungen senden Sie bitte bis zum 30.9.2022 an
Veit Scheller <Scheller.V@zdf.de>

Christian Schurig

Mit großer Bestürzung haben wir am 17. Juli vom Tod unseres langjährigen Vorstandskollegen Christian Schurig erfahren. Herr Schurig starb bereits am 25. Juni 2022 nach schwerer Krankheit, wie seine Tochter mitteilte. Wir sind sehr traurig und vermissen ihn als Freund, als ebenso hilfsbereiten wie zuverlässigen und kompetenten Begleiter und Unterstützer unserer Aktivitäten. Seiner Familie gilt unser Mitgefühl. Ende Oktober 2021 hatte Herr Schurig überraschend seinen Rückzug aus dem RuG-Vorstand aus gesundheitlichen Gründen bekannt gegeben. Eine ausführliche Würdigung planen wir in der kommenden Ausgabe von „Rundfunk und Geschichte“ zu veröffentlichen.

Kai Knörr, für den Vorstand des Studienkreises RuG

Bericht vom Medienhistorischen Forum 2021

Das Medienhistorische Forum 2021 musste pandemiebedingt erneut als Videoschalte mit den damit verbundenen Vor- und Nachteilen stattfinden. Teilnehmer*innen und Veranstalter*innen von Studienkreis Rundfunk und Geschichte sowie der Fach- und Nachwuchsgruppe Kommunikationsgeschichte der DGPuK können aber auf eine vielfältige und inspirierende Veranstaltung zurückblicken. Mit sechs Vorträgen kehrte das Medienhistorische Forum nach dem enormen Zulauf im ‚Coronajahr‘ 2020 erst einmal wieder auf das Normalmaß einer kleineren Konferenz zurück, was allerdings auch den Vorteil intensiverer Präsentationen und Gespräche über die Forschungsthemen und Konzepte mit sich brachte.

Screenshot des Medienhistorischen Forums vom 13.11.2021 in Zoom

Den ersten Impuls gab Maximilian Brockhaus, der seit 2021 am Institut für Zeitgeschichte der Universität Wien zum deutschsprachigen Schulfernsehen zwischen 1960 und 1990 forscht und sich hier insbesondere auch für den Einsatz des Fernsehens im Unterricht interessiert. Eingebettet ist sein Dissertationsprojekt in public history-Konzepte, die sich auf Methoden multimedialer Geschichtsvermittlung beziehen, aber auch die Rolle und den Einsatz von Massenmedien bei der Konstituierung nationaler Identität sowie als Instrument nationaler und europäischer Geschichts- und Bildungspolitik untersuchen. Brockhaus will die bildungs- und ordnungspolitischen Strategien Österreichs, der Bundesrepublik und der DDR über deren Schulfernsehen vergleichen. Das Projekt erscheint nicht allein aus medienhistorischer Perspektive interessant, erwartet werden auch neue Details über Gründungsmythen und zum Selbstverständnis der Nachkriegsstaaten und zu transnationaler Programmkoordinierung. Unterschiede der Nachkriegsstaaten im Umgang mit NS-Vergangenheit und Holocaust dürften sich schlaglichtartig zeigen (s. auch Dissertationsprojekte).

Am Fachbereich Kommunikationswissenschaft der Universität Salzburg verfolgt Jannik Kretschmer das faszinierende Vorhaben, die Geschichte der Digitalisierung über Theorien zur Mode zu entschlüsseln, wie sie etwa von der Soziologin Elena Esposito vertreten werden. Nicht die blanke Technikgeschichte steht für Kretschmer im Vordergrund, sondern die Konjunkturen des Digitalisierungs-Begriffs im 20 und frühen 21. Jahrhundert. Die exponentielle Ausbreitung von Computern und den damit verbundenen Wandel begleiteten modische Zyklen, in denen vor allem gesellschaftliche Erwartungen, wie digitale Technologien das Leben verändern, thematisiert wurden. Dies konnte gelingen, indem die modischen Wellen mit wechselnden Digitalisierungs-Begriffen und -erzählungen zusammengebracht wurden, die man gerade für zugkräftig hielt. So konnte die Entwicklung mal mit Vernetzung, Kybernetik, Gemeinschaft, Transhumanismus oder Disruption verbunden werden, wobei sich die Konzepte nicht selten von Versprechungen in dystopische Vorstellungen verwandelten.

Malte Fischer berichtete über seine PhD Thesis, die er an der Radboud University Nijmegen vorbereitet und dies derzeit durch einen Forschungsaufenthalt am Lehrstuhl für Europäische Geschichte des 20. Jahrhunderts an der HU Berlin ergänzt. Sein Thema sind populäre Formen der Interaktion zwischen Bürger*innen und Politiker*innen im Rundfunk der 1950er bis 1980er Jahre. In Sendereihen wie „Wo uns der Schuh drückt“ (NWDR/SFB 1951-1969), Bürger fragen – Politiker antworten (ZDF, ab 1976), den berühmten RIAS-Schulklassengesprächen („Prominente zu Gast“, RIAS 1951-1991) oder „Jetzt red I“ vom Bayerischen Rundfunk (ab 1971) stellten die öffentlich-rechtlichen Sender eine Verbindung zwischen den politisch Verantwortlichen und „gewöhnlichen“ Bürger*innen her. Welche Effekte dabei den Institutionen zukam, was hier die Praxis des (Live-) Sendens bedeutete und welche Auswirkungen ein solches empowerment – lange vor der Verfügbarkeit Sozialer Medien – auf das demokratische Selbstverständnis in den westeuropäischen Nachkriegsgesellschaften hatte, sind für Malte Fischer von Interesse.

Den zweiten Konferenztag eröffnete Jo Marie Dominiak, die an der Universität Münster der interessanten Frage nachgeht, inwieweit die Musikrezeption im Laufe der vergangenen dreißig Jahre als Prozess individueller Aneignung zu verstehen ist: „Musikrezeption im Wandel – Medienaneignung und Mediennutzung im Zuge musikmedialer Mediatisierungsdynamiken“ wurden beleuchtet. Wobei Jo Marie Dominiak nicht außer Acht gelassen hat, dass die Aneignung historisch über den Besitz von technischen Gadgets wie dem Walkman oder Tonträgern wie Cassetten und CDs passierte, während heute die Suggestion scheinbar unbegrenzter Verfügbarkeit in digitalen Online-Datenbanken und algorithmische Verkoppelung den Musikgebrauch prägt. Inwieweit medientechnologische Übergangsphasen durch Veränderungen in Verhältnissen von Eigentum und Nutzung, Macht und Autonomie gekennzeichnet waren und sind, interessiert die Forscherin.

Einen Blick in seine Dissertation kurz vor deren Verteidigung gewährte Janosik Herder von der Universität Osnabrück. Die Arbeit vermittelt thematisch zwischen Kommunikationsgeschichte und Medientheorie, indem er mit dem Siegeszug der Telegrafie und damit codierter Kommunikation zugleich als Anfang einer digitalen Kultur identifiziert. Die moderne Idee von Kommunikation setzt für ihn bereits mit Etablierung der optischen Telegrafie Claude Chappes unter Napoleon ein, und damit in einem dezidiert modernen militär-administrativem Rahmen zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Wie sich durch den Gebrauch der Telegrafie zugleich der Begriff der Kommunikation festigte und der Diskurs der Telegrafie die kybernetischen Kommunikationstheorien der 1940erJahre (Norbert Wiener, Claude Shannon/Warren Weaver) beeinflusste, wurde erörtert.

Sabine H. Thöle referierte zum Abschluss der Konferenz über ihr Promotionsprojekt am ZeMKI der Universität Bremen über die Journalistin Martha Maria Gehrke (1894-1985).  Vor allem über die Artikel der Weltbühne re- und dekonstruiert Sabine H. Thöle Gehrkes Konstruktionen von Weiblichkeit und Männlichkeit. Im Fokus stehen Gehrkes Entwicklung geschlechtlich differenter Pseudonyme speziell in der Weltbühne, um darüber mit einem ganz bewussten Habitus Diskurse der Weimarer Republik, wie den §218, in ihrem Kommunikationsprozess auszuhandeln. In ihrem Vortrag konnte Sabine H. Thöle auch den bisherigen androzentrischen Forschungsblick auf die Weltbühne aufzeigen. In der Ausbildung ihrer Pseudonyme orientierte sich Gehrke performativ an den konstruierten bürgerlichen „Geschlechtercharaktere“ des 19. Jahrhunderts.

Programm

Freitag, 12. November 2021

14:30Anmeldung der Teilnehmenden
 
14:45Begrüßung und Vorstellungsrunde
 
15:00 – 15:50Janosik Herder (Uni Osnabrück)
Die optische Telegrafie und die Geburt der Kommunikation – Überlegungen zur Vorgeschichte der digitalen Gesellschaft
Moderation: Kai Knörr
 
15:50 – 16:40Jannik Kretschmer (Uni Salzburg)
Narrative der Digitalisierung – Historische Genese und modische Pluralisierung
Moderation: Christian Schwarzenegger
 
16:40Pause
 
17:00 – 17:50Malte Fischer (Uni Nijmegen / HU Berlin)
Democracy on Air? The Interaction between Citizens and Politicians in West German Public Broadcasting 1950s–1980s [Vortrag wurde in dt. Sprache gehalten]
Moderation: Christoph Classen
 
17:50Zwischenfazit, Abmoderation
 

Samstag, 13. November 2021

10:00Technik-Einrichtung im Zoom-Raum, kurze Begrüßung
 
10:10 – 11:00Jo Marie Dominiak (Universität Münster)
Musikrezeption im Wandel – Medienaneignung und Mediennutzung im Zuge musikmedialer Mediatisierungsdynamiken
Moderation: Alexander Badenoch
 
11:00 – 11:50Maximilian Brockhaus (Universität Wien)
Fernsehen im Unterricht – Das Schulfernsehen als Instrument nationaler und europäischer Geschichts- und Bildungspolitik
Moderation: Elisa Pollack
 
11:40Mittagspause
 
12:30 – 13:20Sabine H. Thöle (Universität Bremen)
Eine kommunikationsbiographische Studie – Weiblichkeits- und Männlichkeitskonstruktionen in Veröffentlichungen der Journalistin Martha Maria Gehrke (1894-1985)
Moderation: Erik Koenen
 
13:20Schlussrunde, Gruppen-Screenshot und Abfrage Einwilligung zum Mailverteiler zwecks Vernetzung
 
13:45Ausklang Medienhistorisches Forum 2021
 

RuG 3–4/2021 ist erschienen

Das neue Heft wurde noch vor Weihnachten ausgeliefert und sollte mittlerweile bei allen Mitgliedern und Abonnent*innen eingetroffen sein. Mit dem großen Hauptbeitrag von Friedrich Dethlefs und Carolyn Birdsall zum Schallarchiv der Reichs-Rundfunk-Gesellschaft setzen wir die seit Jahrzehnten bestehende Zusammenarbeit mit dem Deutschen Rundfunkarchiv fort. Der Beitrag hat auch das Titelbild inspiriert, das das Archiv im „Haus des Rundfunks“ in der Berliner Masurenallee darstellt (Dank an Friedrich Dethlefs!). Freuen Sie sich auf eine Reihe weiterer Beiträge und Rezensionen und informieren Sie sich über aktuelle rundfunkhistorische Dissertationsprojekte!

Foto: DRA/Paul Mai.

Neuer Vorstand des Studienkreises gewählt

Mitgliederversammlung und Wahl des Vorstandes des Studienkreises Rundfunk und Geschichte am 13. November 2021

Die ordentliche Mitgliederversammlung, die aufgrund der Corona-Pandemie vorsorglich als Videokonferenz angesetzt wurde, wählte am 13. November 2021 den neuen Vorstand des Studienkreises. Insgesamt waren zur Wahl 20 stimmberechtigte Mitglieder online anwesend. Als Vorsitzender wurde Dr. Kai Knörr (Potsdam) wiedergewählt, als Stellvertreter fungieren Dr. Judith Kretzschmar (Leipzig) und Prof. Dr. Golo Föllmer (Halle). Schatzmeister bleibt Dr. Veit Scheller (ZDF Mainz), als Schriftführer wurde Dr. Uwe Breitenborn (Berlin) bestätigt. Der Vorstand dankte Christian Schurig (Stuttgart), der aus dem Gremium ausscheidet, für seine langjährige Arbeit. Für ihn wurde Dr. Christoph Rosenthal (Berlin) als neues Vorstandsmitglied gewählt. Dem neu gewählten Vorstand gehören weiterhin Dr. Kiron Patka (Tübingen), PD Dr. Gerlinde Frey-Vor (MDR Leipzig) und Dr. Christoph Classen (ZZF Potsdam) sowie als Vertreterin des DRA Susanne Hennings an.

Kassenprüfer sind erneut Prof. Dr. Michael Crone (Frankfurt) und Dr. Heiner Schmitt (Ingelheim).

Als kooptierte Mitglieder des Vorstandes sind Dr. Hans Ulrich Wagner (Hamburg) und Prof. Dr. Alexander Badenoch (Utrecht) benannt.

Noch freie Plätze im Medienhistorischen Forum (12./13.11.2021, online), jetzt bewerben!

Die Frist für Einreichungen zum diesjährigen Medienhistorischen Forum des Studienkreises am 12. und 13. November 2021 ist bis zum 06. Oktober 18:00 Uhr verlängert! Bewerben Sie sich mit Ihrem medienhistorischen Forschungsprojekt und diskutieren Sie es mit Kolleg*innen aus den Bereichen Rundfunk, Archive, Medien- und Kommunikationsgeschichte. Alle weiteren Infos finden Sie unter https://rundfunkundgeschichte.de/cfp-zum-medienhistorischen-forum-2021-12-13-november-online/

Viel Erfolg!