News

Tagungsbericht: «Fernsehen» und Bildung – ein Missverständnis? Jahrestagung am 27. und 28. Juni 2024 in Marl

Einmal im Leben den Grimme-Preis entgegenzunehmen ist wohl der Traum aller Fernsehschaffenden in Deutschland: Er gilt als Auszeichnung für höchste Qualität. Die Teilnehmenden der Jahrestagung des Studienkreises Rundfunk und Geschichte reagierten entsprechend fasziniert, als sie selbst kurz die begehrte Trophäe in den Händen halten durften: Eine gelungene Überraschung der Grimme-Preis-Leiterin Lucia Eskes zum Abschluss der Konferenz am 27. und 28. Juni 2024 beim Grimme-Institut in Marl.

Im Kamingespräch mit Kai Knörr und Uwe Breitenborn hatte sie bereits am Vorabend davon berichtet, wie komplex die Aufgabe der Grimme-Gremien ist, die Preiswürdigkeit der Produktionen festzustellen. Es werde eine hohe Perspektivenvielfalt aus professionellen Kritikern und Publikumssicht hergestellt, sei es durch die Einbindung der „Marler Gruppe“ oder auch von Studierenden der Universität zu Köln, denen das Konzept des linearen Fernsehens zunehmend fremd werde. Gesprächspartner Friedrich Küppersbusch ergänzte aus seiner Sicht, in welcher Form die Auszeichnungen auf die Branche Einfluss nehmen: Die unabhängigen Jury-Urteile dienten in Zeiten abgespeckter Medienfeuilletons zur Orientierung jenseits von Quoten- und Reichweitenanalysen, doch manchmal sei das Idealbild der Grimme-Gremien schwierig zu deuten. Er hielt ein Plädoyer für einen gewissen Grundkanon handwerklich und journalistisch gelungener Produktionen, der für Fernseh- und Mediatheken-Produktionen gleichermaßen gelte.  Besonders hochwertig produzierte Dokumentationen könnten ein großes Publikum finden und seien auch bei Streamingplattformen als repertoirefähig angesehen. Zudem gab es Gelegenheit, einiges über Friedrich Küpperbuschs Sicht auf seine eigene Mediengeschichte und -gegenwart (ZAK, probono, Küpperbusch TV u. a.) zu erfahren, die er mit der ihm eigenen Lässigkeit präsentierte.

Die Keynote von Jan-Hinrik Schmidt vom Hamburger Hans-Bredow-Institut bot eine direkte Antwort auf die provokante Frage des Tagungstitels: «Fernsehen» und Bildung – ein Missverständnis? Eine aktuelle Repräsentativbefragung im Auftrag des ZDF ergab: Das Verständnis, welche Kernelemente von Bildung wichtig sind, variiert in der Bevölkerung. Es lassen sich vier Anspruchsgruppen unterscheiden. Über alle Anspruchsgruppen hinweg ist die die Mehrheit der Bevölkerung (53 %) der Meinung, dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk zur Bildung in Deutschland beiträgt. Auch formulierten die Nutzenden hohe Erwartungen an den Rundfunk: Dazu zählte die Vermittlung eines respektvollen Miteinanders, die Unterscheidung von verlässlichen und gefälschten Informationen, der Beitrag zur Demokratiebildung, sowie die Erinnerung an deutsche und europäische Geschichte.

Wie sich Erwartungen und Qualitätsmaßstäbe im Lauf der Mediengeschichte ändern, war das durchgängige Thema des Panels „Grimme in der Medienlandschaft“. Thomas Tekster stellte vor, wie das Grimme-Institut seine Akten systematisch erschließt und Dokumente der Institution und seines Gründers Bert Donnepp für Forschung zugänglich macht. Felix Dümcke vom Kulturwissenschaftlichen Institut Essen zählt zu den Nutzenden und gab Einblicke in seine laufende Forschung zur „Entpädagogisierung des Adolf-Grimme-Preises 1964 bis 1970“: Bereits in den Anfangsjahren hätten entscheidende Weichenstellungen stattgefunden, den Akzent von Volkserziehung zu einem umfassenden Qualitätsbegriff auszuweiten. Tanja Weber, Universität zu Köln, knüpfte an diese historische Betrachtung an und verlängerte ihre These bis in die Gegenwart: „Das gute Fernsehen gibt es nicht.“ Illustriert am Statut des Grimme-Instituts führte sie aus, dass es die eine, allgemeinverbindliche Operationalisierung von Qualität nicht geben könne, sondern es sich vielmehr um einen relationalen, dynamischen, historischen und diskursiven Prozess handle.

Den Auftakt zum Panel „Fernsehgeschichte unter der Lupe“ machten Sara Tazbir (RBB) und Christine Abt(SWR) mit der Vorstellung von ARD Retro: Im Rahmen einer groß angelegten Archivöffnung stünden mittlerweile über 20.000 Videos und 3.500 Audiodateien zum Abruf bereit, die Zeitgeschichte „im Kleinen“ erzählen. Im Zeichen des Public Value steht auch das anschließend vorgestellte Projekt „rufus“, das Patrizia Blume von der Universitätsbibliothek Leipzig präsentierte: Das Fernseh-Produktionsarchiv des ZDF wird über dieses Portal recherchierbar. Die fließenden Grenzen zwischen Information, Bildung und Unterhaltung in der Perspektive von Rezipierenden stellte Gerlinde Frey-Vor in das Zentrum ihres Vortrags auf Basis einer aktuellen Repräsentativbefragung sowie Ergebnissen der historischen Rezipientenforschung. Die Ergebnisse zeigten, dass bei der Nutzung von Bewegbild das Entspannungsbedürfnis und der Spaß als Motive sehr wichtig sind, gefolgt vom Wunsch nach aktueller und vertiefender Information. Stammpublikum öffentlich-rechtlicher Angebote stellte letztere zusammen mit Motiven der sozialen Einbindung mehr in den Vordergrund als andere Gruppen.

Die Geschichte des Bildungsfernsehens wurde in einem eigenen Panel vertieft. Kai Nowak von der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg widmete sich der Modernisierung der Verkehrserziehung in Westdeutschland 1965 bis 1985, an der Fernsehsendungen wie der „siebte Sinn“ aber auch Schulfernsehsendungen und Shows einen entscheidenden Beitrag hatten. Thomas Wilke, PH Ludwigsburg, stellte eine überraschende Bandbreite der Darstellung vom HipHop im deutschen Fernsehen vor – von erklärenden Formaten der 1980er-Jahre mit starkem Einfluss auf Jugendliche auf beiden Seiten der Mauer bis zu aktuellen und preisgekrönten Musik- und Bildungsangeboten. 

Im Fokus des letzten Panels stand die Beziehung von Bildungsformaten und Medienkritik. Christoph Classen analysierte die große Popularität von Neil Postmans Bestsellern „Das Verschwinden der Kindheit“ und „Wir amüsieren uns zu Tode“ in der Bundesrepublik der 1980er Jahre, deren Popularität in Deutschland größer als in den USA gewesen sei. Er erklärte dies damit, dass Postmans Kulturkritik sowohl zu verbreiteten Ängsten vor den „Neuen Medien“ gepasst habe als auch ideengeschichtlich auf fruchtbaren Boden gefallen sei. Uwe Breitenborn, Medienwerkstatt Potsdam, sensibilisierte im Anschluss für das Bildungspotenzial von Streamingangeboten: Mit Blick auf die zahlreichen Bildungseffekte fiktionaler Serienhits wie „Das Damengambit“ erschien der Titel des Vortrags „Telekolleg Netflix?“ nicht abwegig. Yulia Yurtaeva-Martens, Filmuniversität Babelsberg, gab einen Überblick über Virtual-Reality- und KI-basierte Bildungsangebote zum Thema Holocaust und NS-Zeitzeugenschaft und diskutierte mit dem Publikum die damit verbundenen Potenziale und Herausforderungen.

Die Qualität und Wandlung von Bildungsmedien sorgt für Gesprächsstoff über Fernsehformate hinaus, wie uns auch der Direktor des Grimme-Instituts Peter Wenzel erläuterte. Mit ihm freuten sich die Teilnehmenden, dass es gelungen ist, den Grimme-Online-Award 2024 zu retten. Eine Nachricht, die zu den Ergebnissen der Tagung ausgezeichnet passt.

Tagungsbericht: Christoph Rosenthal
Fotos: Rosenthal/Hennings/Breitenborn

Anmeldung zur Jahrestagung «Fernsehen» und Bildung – ein Missverständnis?

27. + 28. Juni 2024, Grimme-Institut – Gesellschaft für Medien, Bildung und Kultur mbH, Eduard-Weitsch-Weg 25, 45768 Marl

Anmeldeformular:

    Name (*):

    Straße:     Hausnr.:

    PLZ:   Stadt:

    Land:

    E-Mail (*):

    Institution:

    Telefonnummer:

    (*) Pflichtfeld

    Anmeldung als:

    Ich entrichte den Tagungsbeitrag:

    Ich nehme am Abendbuffet in der Loemühle zum Selbstkostenpreis von 39,95 € teil:

    Ich stimme der Verarbeitung meiner Daten zu. Wir verarbeiten Ihre Daten zum Zwecke der Veranstaltungsvorbereitung und -durchführung:

    Ich erteile die Genehmigung zur Veröffentlichung und unentgeltlichen Nutzung von Fotos, die während der Veranstaltung aufgenommen werden.

    Datenschutzhinweise:
    Hiermit kommen wir unserer Informationspflicht gemäß Art. 13/14/21 DSGVO nach. Personenbezogene Daten zu Ihrer Person werden verarbeitet. Bitte beachten Sie auch unser Impressum und die Datenschutzerklärung unter: https://rundfunkundgeschichte.de/datenschutzerklaerung/.
    Sie können Ihre Genehmigung zur Verarbeitung jederzeit mit Wirkung für die Zukunft per e-Mail an uns widerrufen.

    Bankverbindung des Studienkreises Rundfunk und Geschichte:
    Frankfurter Sparkasse von 1822, IBAN: DE20 5005 0201 0000 3920 49, BIC: HELADEF1822
    Verwendungszweck: JT-2024

    Programm zur Jahrestagung «Fernsehen» und Bildung – ein Missverständnis?, 27.+28. Juni 2024 in Marl

    51. Jahrestagung des Studienkreises Rundfunk und Geschichte in Kooperation mit dem Grimme-Institut

    Grimme-Preis-Verleihung 2024 mit Moderatorin Siham El-Maimouni. Foto: Neuhaus / Grimme-Institut

    27. + 28. Juni 2024, Grimme-Institut – Gesellschaft für Medien, Bildung und Kultur mbH, Eduard-Weitsch-Weg 25, 45768 Marl

    Wir freuen uns, nach genau 30 Jahren wieder Gast im Grimme-Institut zu sein und mit unserer 51. Jahrestagung auf das Verhältnis von audiovisuellen Medien und Bildung zu schauen. Der Titel „Fernsehen und Bildung“ soll als Hommage an den Tagungsort und dessen Bedeutung für die deutsche Medienlandschaft verstanden werden, zugleich aber auch zu erweiterten Reflexionen über Bildungsdiskurse in der aktuellen audiovisuellen Kultur anregen. Wir fragen nach der Geschichte und Zukunft von Bildungsmedien und Medienbildung, nach Formaten, Infrastrukturen und Angeboten, nach historischen Erfolgsmodellen und Irrwegen.

    PROGRAMM

     Donnerstag, 27. Juni 2024
    11:00Check-in am RuG-Tagungscounter im Grimme-Institut
    12:00Mittagsbuffet im Grimme-Institut
    13:00Begrüßung der Tagungsgäste durch den Direktor des Grimme-Instituts, Peter Wenzel und den Vorsitzenden des Studienkreises Rundfunk und Geschichte, Kai Knörr
    13.30Panel 1: ‚Grimme‘ in der Medienlandschaft
    Moderation: Christoph Rosenthal

     
    Thomas Tekster (Grimme-Institut, Marl): 60 Jahre Grimme-Preis vor dem Hintergrund der Institutsgeschichte
    Felix Dümcke (Kulturwissenschaftliches Institut Essen): Von der Volkserziehung zum Qualitätsbegriff: Die Entpädagogisierung des Adolf-Grimme-Preises 1964 bis 1970
    Tanja Weber (Institut für Medienkultur und Theater, Universität zu Köln): Das gute Fernsehen gibt es nicht. Überlegungen zum Qualitätsbegriff
    15:00Kaffeepause
    15:30Panel 2 Fernsehgeschichte unter der Lupe
    Moderation: Veit Scheller
    Sara Tazbir (RBB)/Christine Abt (SWR) (Kuratierungsteam ARD Retro): ARD Retro – Just another Retro Hype oder gesellschaftlicher Mehrwert?
    Patrizia Blume (Universitätsbibliothek Leipzig): rufus – Das Portal zur Rundfunksuche
    Gerlinde Frey-Vor (MDR): Information, Bildung, Unterhaltung: Der Beitrag von fiktionalen Serien
    17:00offenes Redaktionstreffen der Zeitschrift Rundfunk und Geschichte
    Video-Installationen zur Geschichte des Grimme-Preises und der Stadt Marl
    18:45Kamingespräch mit der Leiterin des Grimme-Preises, Lucia Eskes, und dem Journalisten, Moderator und Fernsehproduzenten Friedrich Küppersbusch im Grimme-Institut
    Moderation: Uwe Breitenborn und Kai Knörr
    20:30Gemeinsames Abendessen (Buffet) im Hotel-Restaurant Loemühle, Marl, Selbstkostenpreis 39,90 EUR
      
     Freitag, 28. Juni 2024
    09:30Keynote Jan-Hinrik Schmidt (Leibniz-Institut für Medienforschung – Hans Bredow-Institut, Hamburg): Der öffentlich-rechtliche Bildungsauftrag aus Sicht der Bevölkerung
    10:10Panel 3 Bildungsfernsehen
    Moderation: Kai Knörr
    Karin Moser (Institut für Wirtschafts- und Sozialgeschichte, Uni Wien): Anleitung zur Selbst-/Hilfe: Die Belangsendungen der österreichischen Arbeitnehmer*innenvertretungen
    Kai Nowak (Institut für Pädagogik, Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg): Schulfernsehen und die „Modernisierung“  der Verkehrserziehung in Westdeutschland, 1965-1985
    Thomas Wilke (Pädagogische Hochschule Ludwigsburg): HipHop im Deutschen Fernsehen zwischen Unterhaltung und Bildung
    11:40Pause mit Imbiss im Grimme-Institut
    13:00 Panel 4 Bildungsformate und Medienkritik 
    Moderation: Susanne Hennings
    Christoph Classen (Leibniz-Zentrum für Zeithistorische Forschung, Potsdam): Zu Tode amüsiert? Neil Postmans Bestseller in der Bundesrepublik der 1980er Jahre 
    Uwe Breitenborn (Medienwerkstatt Potsdam): Telekolleg Netflix? Bildungspotenziale von Streamingangeboten
    Yulia Yurtaeva-Martens (Filmuniversität Babelsberg Konrad Wolf, Potsdam):  (Ein)Bildung: VR und KI in der Evolution der Bildungsformate und ihre Beziehung zu klassischen Medien
    14:30Fazit, Verabschiedung und Tagungsende

    Stand: 11.06.2024 – Änderungen vorbehalten.

    Tagungsort: Grimme-Institut – Gesellschaft für Medien, Bildung und Kultur mbH, Eduard-Weitsch-Weg 25, 45768 Marl.

    Bitte geben Sie im Navigationssystem als Zieladresse „Adolf-Grimme-Straße 1, 45768 Marl“ ein.

    Tagungsgebühr: Vortragende: ohne Tagungsgebühr, Gäste: 70 €, Mitglieder des Studienkreises 50 €, Studierende/Doktorand*innen: 30 €.

    Übernachtungsmöglichkeit: Am Ort unseres Abendessens, im Hotel Loemühle, Loemühlenweg 221, 45770 Marl, ist bis zum 31.5. ein Zimmerkontingent für 95 € pro Nacht unter dem Stichwort „Tagung Grimme“ für Sie reserviert!

    ANMELDUNGEN zur JAHRESTAGUNG möglichst bitte bis 20.6.2024 direkt über die Registrierungsseite. Eine Anmeldung am 27.6. ist auch vor Ort am Tagungscounter möglich.

    CfP: Medienhistorisches Forum für Forschungsnachwuchs und Absolvent:innen am 08./09. November 2024 in Lutherstadt Wittenberg

    Call for Participation – Einreichungsfrist: 1. September 2024

    Das Medienhistorische Forum des Studienkreises Rundfunk und Geschichte ist eine Plattform für Absolvent:innen und Forschungsnachwuchs mit Bezug zu Kommunikation und Medien in historischer Perspektive. Doktorand:innen, Habilitant:innen und Masterstudierende in ihrer Abschlussphase erhalten die Möglichkeit, ihre Forschungsthemen vorzustellen und mit Expert:innen aus Wissenschaft und Praxis über Probleme und Methoden kommunikations- und medienhistorischer Arbeiten zu diskutieren. Das Format hat sich seit 1973 bewährt und dient auch zur Vernetzung untereinander sowie mit Ansprechpersonen aus Rundfunkanstalten und Medienarchiven. Mittlerweile findet das Forum in Kooperation mit der Fachgruppe Kommunikationsgeschichte der DGPuK sowie [na]KOGE statt.

    Nachwuchswissenschaftler:innen laden wir ein, sich mit ihren aktuellen Forschungsprojekten für eine Teilnahme zu bewerben. Eine Übernahme von Fahrt- und Übernachtungskosten der Referent:innen durch den Studienkreis kann angefragt werden. Die vorgestellten Projekte müssen und sollen keine abgeschlossenen Arbeiten abbilden. Konkrete Projektskizzen sollten aber dennoch vorhanden sein, so dass wir auf hohem Niveau über die Themen, Gegenstände, Quellen, Methoden oder theoretischen Ansätze der Vorhaben diskutieren können. Einreichungen in englischer Sprache sind möglich. Einreichungen aus Kommunikations-, Medien- und Geschichtswissenschaften und anderen Disziplinen sind willkommen.

    Einreichungen können zum Beispiel die folgenden Themen behandeln:

    • Geschichte und Entwicklung von Hörfunk, Fernsehen, Publizistik und Journalismus, Fotografie, Online-, Musikmedien oder anderen Einzelmedien und Gattungen
    • Geschichte der Kommunikations- und Medienpolitik
    • Mediatisierung und Medialisierung von Gesellschaft und ges. Teilbereichen
    • Medienöffentliche Diskurse und Medienöffentlichkeiten im Wandel
    • Vergangene, tradierte und neue Praktiken der Medienproduktion und -rezeption
    • Geschichte der Kommunikations- und Medienforschung
    • Forschung zur Technikgeschichte und Materialität der Medien
    • Einzelanalysen und Fallstudien zu Formaten, Sendungen, Personen
    • Innovative Ansätze der Methoden- und Theoriebildung von Kommunikations- geschichte und Medienkulturwissenschaft
    • Erinnerungskultur und MedienEinreichung und Begutachtung
      Die Auswahl der Vorträge findet in einem anonymisierten Begutachtungsverfahren durch die Veranstalter:innen statt. Zur Bewerbung reichen Sie bitte ein Exposé ein, das die Grundlinien des geplanten Vorhabens und Vortrages umreißt und ungefähr zwei Seiten Text (max. 6.000 Zeichen inklusive Leerzeichen, plus Literaturangaben) umfassen soll. Geben Sie in Ihrem Exposé im Sinne der Anonymität des Verfahrens bitte keine Angaben zu Ihrer Person an, sondern reichen Sie ein zusätzliches Deckblatt mit Ihren Kontaktdaten und dem Titel des Vorhabens als einzelne Datei ein.
      Senden Sie Ihr Exposé und das Deckblatt bis zum 1. September 2024 an Susanne.Hennings@dra.de
      Veranstalter:innen und Ansprechpartner:innen für Rückfragen
    • Studienkreis Rundfunk und Geschichte Dr. Christoph Rosenthal (christoph.rosenthal@fu-berlin.de)
    • Fachgruppe Kommunikationsgeschichte der DGPuK
      Dr. Erik Koenen (ekoenen@uni-bremen.de), Jun.-Prof. Dr. Niklas Venema (venema@uni-leipzig.de)
    • [na]KOGE Annika Keute (annika.keute@plus.ac.at), Jo Marie Dominiak (j.dominiak@uni-muenster.de)

    Call for Papers – 51. Jahrestagung am 27.+28. Juni 2024 beim Grimme-Institut in Marl

    «Fernsehen» und Bildung – ein Missverständnis?

    Geschichte und Zukunft von Bildungsmedien und Medienbildung / 51. Jahrestagung des Studienkreises Rundfunk und Geschichte / in Kooperation mit dem Grimme-Institut, Marl 27. und 28. Juni 2024

    Wir freuen uns, nach genau 30 Jahren wieder Gast im Grimme-Institut zu sein und mit unserer 51. Jahrestagung auf das Verhältnis von audiovisuellen Medien und Bildung zu schauen. Der Titel „Fernsehen und Bildung“ soll als Hommage an den Tagungsort und dessen Bedeutung für die deutsche Medienlandschaft verstanden werden, zugleich aber auch zu erweiterten Reflexionen über Bildungsdiskurse in der aktuellen audiovisuellen Kultur anregen. Wir fragen nach der Geschichte und Zukunft von Bildungsmedien und Medienbildung, nach Formaten, Infrastrukturen und Angeboten, nach historischen Erfolgsmodellen und Irrwegen.

    Uns interessiert, wie digitale Plattformen in Produktion und Distribution die Konzepte von Bildung und Geschichte verändern. Kann die praktische und programmatische Erfahrung und das Selbstverständnis traditioneller Bildungsinstitutionen in neuen technischen Umgebungen bestehen? Welche Funktion kommt Archiven und audiovisuellem Erbe in digitalen Zeiten zu? Welche Bildungerfahrungen konnten bzw. könn(t)en im „klassischen“ Fernsehen gemacht werden?Der Rundfunkbegriff bleibt für uns ein Bezugspunkt, um institutionelle und organisatorische Ziele von Bildung und Medienbildung zu beleuchten.

    Die Einführung neuer (Programm-)Medien wurde in der Geschichte immer wieder mit Bildungsprogrammen bzw. der Sorge um den Verfall von Bildung begründet: Nach dem ersten Weltkrieg versprach der deutsche Staatssekretär Hans Bredow bei Einführung des Rundfunks die „geistige Not“ der Bevölkerung durch „drahtlose Belehrung und Unterhaltung“ lindern zu wollen und die Kluft zwischen gesellschaftlichen Gruppen und Völkern zu schließen. Nach 1945 entstanden öffentlich-rechtliches Radio und Fernsehen als demokratisches Gegengewicht zu den unter der Nazi-Herrschaft diskreditierten Bildungseinrichtungen. Nicht nur medienvermittelte Bildung, sondern Medienbildung selbst rückte eine Generation später ins Blickfeld, als der Volkshochschulverband im Jahr 1973 das Grimme-Institut gründete, Medien und medienpolitische Fragen zum Gegenstand der Erwachsenenbildung machte. Qualitativ hochwertige (=bildende?) Programme, Sendungen und Formate werden in Marl schon seit 1964 mit Grimme- Preisen prämiert. Die Tagung soll auch hierzu Hintergrundwissen und Diskussionsstoff bieten.

    Die Debatten zu Medien und Bildung sind in vollem Gange. Daher sind wir an Zuspitzungen interessiert, aber auch an neuen Versuchen. Richtwert sind 20minütige Vorträge mit anschließender Diskussion. Wir laden Wissenschaftler*innen und Expert*innen aus Geisteswissenschaften, empirischer Forschung, Rundfunkanstalten und anderen Medienunternehmen, Archiven, sowie Bereichen der Medienbildung ein, sich zu beteiligen.

    Die Beiträge sollten eine historische Dimension aufweisen und können zu folgenden Aspekten eingereicht werden (Beispiele):

    • Bildende Programme als ‚Public Value‘ im Fernsehen
    • Programm- und Institutionengeschichte des Schulfunks, der III. Programme, Telekolleg etc.
    • Vermittlung von Geschichtsbewusstsein
    • Potenziale des audiovisuellen Archiv-Erbes in Bildung/Medienbildung
    • Gesellschaftlicher Nutzen des Wissens um (historische) Medienpraxis
    • Absichtliche und unabsichtliche Bildungserfahrungen / Bildungsprogramme und ihre unkontrollierbaren Wirkungen

    • Unterhaltungssendungen / (Fernseh-)Serien als Quelle von Bildung
    • Bisher unbeleuchtetes/unbeachtetes Material zu bildungspolitischen Debatten in Ost und West
    • Audioviduelle Medialitäten (Formate, Infrastrukturen, Technik) von Bildungsmedien und wie diese sich wandeln
    • Digitalisierung und Wissensvermittlung / Verhältnis zwischen Information, Wissen und Bildung
    • Bildungsauftrag des ÖR-Rundfunks als Gegenwarts – und Zukunftsperspektive
    • Formen der Wissensvermittlung in heutigen Fernsehangeboten
    • Stimmt der Ausruf „Fernsehen ist tot!“ diesmal wirklich oder wartet ‚Fernsehen‘ auf seine Neuerfindung?
    • Medien, Bildung und ‚Klassismus‘ / ‚Zielgruppenspezifische‘ Angebote früher und heute
    • Kommerzielle Medien(unternehmen) und Bildung
    • Streamingdienste und andere audiovisuelle Netzangebote im Bildungskontext
    • Transformation von medialen Bildungsangeboten
    • Re-Education und Rundfunk nach 1945
    • Signalwirkung des Grimme-Instituts / Der Grimme-Preis und die Medienlandschaft

    Deadline für die Einreichung: 30.4.2024

    Einreichungen bitte per Mail an Susanne Hennings (Deutsches Rundfunkarchiv): Susanne.Hennings@dra.de

    Eingereichte Abstracts sollten maximal 3.000 Zeichen umfassen (exklusive etwaiges Literatur- oder Quellenverzeichnis). Die Veranstalter*innen entscheiden über die Annahme in einem Review- Verfahren. Rückmeldungen sind bis zum 06. Mai 2024 zu erwarten. Die Vorträge können auf Deutsch und Englisch gehalten werden; Konferenzsprache ist Deutsch. Wir freuen uns auf Ihre Beteiligung

    Weitere Informationen auch unter

    https://rundfunkundgeschichte.de/jahrestagung2024/

    Neuer Vorstand gewählt

    Die ordentliche Mitgliederversammlung wählte in Königs-Wusterhausen am 14. November 2023 den neuen Vorstand des Studienkreises. Als Vorsitzender wurde Dr. Kai Knörr (Universität Potsdam) wiedergewählt, als Stellvertreter fungieren Prof. Dr. Golo Föllmer (Halle) und Dr. Yulia Yurtaeva-Martens (Filmuniversität Babelsberg „Konrad Wolf“, Potsdam). Schatzmeister bleibt Dr. Veit Scheller (ZDF Mainz), als Schriftführer wurde Dr. Uwe Breitenborn (Berlin) bestätigt. Der Vorstand dankte Dr. Kiron Patka (Tübingen) und Dr. Judith Kretzschmar (Leipzig), die beide aus dem Gremium ausscheiden, für ihre langjährige Arbeit. Dr. Christoph Rosenthal (ARD-Generalsekretariat, Berlin) wurde als neues Vorstandsmitglied gewählt. Dem neu gewählten Vorstand gehören als Beisitzer weiterhin PD Dr. Gerlinde Frey-Vor (MDR Leipzig) und Dr. Christoph Classen (ZZF Potsdam) sowie als Vertreterin des DRA Susanne Hennings an.

    Kassenprüfer sind erneut Prof. Dr. Michael Crone (Frankfurt) und Dr. Heiner Schmitt (Ingelheim). 
    Als kooptiertes Mitglied des Vorstandes wurde Dr. Hans Ulrich Wagner (Hans-Bredow-Institut für Medienforschung, Hamburg) benannt.

    Tagungsbericht: 100 Jahre Rundfunk im Do-it-yourself-Betrieb. Basteln, Senden, Mitschneiden, Streamen

    50. Jahrestagung des Studienkreises Rundfunk und Geschichte in Königs Wusterhausen am 13. und 14. November 2023 in Kooperation mit dem Förderverein „Sender Königs Wusterhausen“ e.V.

    Passend zum großen Rundfunkjubiläum veranstaltete der Studienkreis seine 50. Jahrestagung am Fuß des Funkerbergs. Veranstalter und Gäste trafen sich auf Einladung des Fördervereins „Sender Königs Wusterhausen“ e.V. im Saal der ehemaligen Funkschule der Deutschen Post – deren frisch saniertes Gebäude heute den Bildungscampus des Landkreises Dahme-Spree beherbergt. Eine gute Wahl, denn der Funkerberg mit seiner imposanten Anlage und historischen Aura ist ein einzigartiger Ort, um sich den Anfängen der deutschen Rundfunkgeschichte zu widmen. Dazu passte das Do-it-yourself-Thema der Tagung, also das Basteln, freie Senden, Mitschneiden, Streamen und Archivieren durch die vielen Radioenthusiasten weltweit. Rundfunkgeschichte ist bekanntermaßen mehr als nur das institutionelle Senden, es ist vor allem auch eine Geschichte der Radiohörer und -liebhaber, die oftmals diese Leidenschaft pflegen, indem Sie Radioproduktionen mitschneiden, sammeln, dokumentieren, imitieren oder selbst machen. So ist also die Rundfunkgeschichte immer auch eine Geschichte von Selbstwirksamkeit und Selbstermächtigung. Der Studienkreis-Vorsitzende Kai Knörr eröffnete gemeinsam mit dem stellvertretenden Vorsitzenden Golo Föllmer die Tagung mit einem treffenden Zitat des Berliner Schauspielers und Rundfunkpioniers Alfred Braun: „Im Anfang war die Technik“. Ergänzend sei hinzugefügt, dass im Anfang auch eine Idee war. Und für den Do-It-yourself-Betrieb sollte es im Verlauf der Rundfunkgeschichte schließlich entscheidend werden, dass Radio und Speichermedien zusammenkamen. All diese Aspekte sollten zur Sprache kommen.

    Panel 1 – Radio machen und Dokumentieren im Do-it-yourself-Betrieb

    Los ging es mit Jan Bönkost vom Archiv der sozialen Bewegungen in Bremen, der einen Überblick zur Entwicklung der freien Radios („Instandbesetzer:innen der Rundfunkfreiheit“) gab. Diese sahen sich als Korrektiv und Gegengewicht zum öffentlich-rechtlichen Rundfunkmonopol, und formulierten im Fahrwasser der Neuen Sozialen Bewegungen das Ziel, über das selbstorganisierte Senden eine aktivierende ‚Gegenöffentlichkeit‘ zu schaffen. Für die alte Bundesrepublik konnte Jan Bönkost im Rahmen seiner bisherigen Forschungen über 100 freie Radios ermitteln. Da kein zentraler Überlieferungsort existiert, ist die Quellenlage eher bescheiden. Sie reicht von Fahndungsakten und Lagebildern der Polizei über Archive sozialer Bewegungen und politischer Gruppen bis hin zu privaten Mitschnitten und Zeitzeugengesprächen. Ein paar O-Töne von Radio Freies Wendland und Radio Zebra (Bremen) transportierten die anarchistische Atmosphäre der 1980er Jahre. Jan Bönkost verwies zudem auf die Veranstaltungen der Freien Radios zum Rundfunkjubiläum, an denen er auch beteiligt war und die einen etwas anderen Blick auf die Historie bieten (siehe auch www.anderesradio.de).

    Die freie Radiokünstlerin Niki Matita aus Berlin berichtete über den Funktechniker Rolf Formis (1894-1935), der trotz seines kurzen Lebens und tragischen Tods als Pionier der frühen Radiogeschichte zu gelten hat und dem sie den bisher ersten Teil eines Werkzyklus widmet. Formis betrieb in den 1920er Jahren die Funkversuchsstation Ky4 auf dem Dachboden seines Wohnhauses in der Alexanderstr. 31 und die sogenannte „Fernempfangsstelle“ der SÜRAG auf Schloss Solitude in Stuttgart. Nach 1933 zur Emigration gezwungen, provozierte er die Nationalsozialisten mit illegalen Sendungen aus der Tschechoslowakei, die er letztlich mit dem Leben bezahlen musste. Für die Künstlerin war es nicht einfach, originale Zeugnisse von und über Formis zu finden. Überliefert ist immerhin der Audioschnipsel einer Reportage von der Fahrt des Luftschiffs „Graf Zeppelin“, in dem seine Stimme zu hören ist. Dennoch bleibt er ein Phantom der Rundfunkgeschichte. Niki Matita hat diesem Umstand mit ihrer experimentellen Sendung „Fernempfangsstelle“ am 28. Juni 2023 im Tschechischen Rundfunk (Cesky rozhlas), eindrucksvoll Rechnung getragen.

    Auch Christian Collet vom Rundfunk Berlin-Brandenburg präsentierte einen ungewöhnlichen Zugang zur audiovisuellen Überlieferung. Sein Beitrag schilderte einen ungewöhnlichen medienarchäologischen Fund, bei dem ein verstorbener Sammler 20.000 Mitschnitte hinterließ, die eine Vielzahl von nicht überlieferten Konzertmitschnitten, und Hörfunkaufnahmen enthielten, vor allem aber auch eine Art Audio-Tagebuch ihres früheren Besitzers. Auf vielen dieser Tapes sind z.T. sehr intime Situationen seines Lebens festgehalten. Das mag teilweise skurril anmuten, als Audioquelle vermittelt es nicht nur einen Eindruck vom Zeitgeist früherer Jahrzehnte, sondern auch in eine mit der Compactkassette verbundene Medienpraxis. Aufbereitet ist das Konvolut in dem fulminanten WDR3-Kulturfeature „Wolfgang – Ein Leben auf 20.000 Kassetten“. Reinhören lohnt sich. 

    Die Keynote zur Jahrestagung hielt Carolyn Birdsall, die als Associate Professor for Media Studies an der Universität Amsterdam forscht und lehrt. Die gebürtige Australierin stellte die Kernthesen ihres neuen Buches „Radiophilia“ (The Study of Sound, Bloomsbury 2023) vor und gab damit einen signifikanten Diskussionsrahmen für die Themenvielfalt der Tagung. Im Buch unternimmt sie den Versuch, das Phänomen der inzwischen hundert Jahre währenden Radiobegeisterung fassbar zu machen, in dem sie beispielsweise Fan Studies, History of Emotions, Material Culture als Infrastruktur der Radiophilie oder als „Bridging“ (Amateurs, Recording, Archiving) beschrebt. Letztlich ist die Radioliebe oft an die eigene Alltagswelt der Radiohörer rückgebunden, was sich beispielsweise in Sammlungen oder in Imitationen von Radiopraxis zeigt. 

    Panel 2 – Zeitgeist im Wohnzimmer – Private Mitschnitt-Sammlungen   

    Auf der Tagung machte der saloppe Begriff von den „entspannten Österreichern“ die Runde, womit wohl vor allem gewisse Freiräume gemeint sind, in denen österreichische Archive hinsichtlich ihrer Sammlungspraxis agieren können. Es war daher spannend, zu hören, was Johannes Kapeller als stellvertretender Leiter der Österreichischen Mediathek in Wien mit seinem Tagungsbeitrag „99 Jahre Radio sammeln“ bot. Er skizzierte die Sammlungstätigkeit der Mediathek seit 1960. Im Unterschied zu deutschen Archiven darf diese recht unkompliziert private Sammlungen annehmen. Derzeit sind ca. 2 Millionen Aufnahmen auf 650.000 Trägern dokumentiert. Der jährliche Sammlungszuwachs beträgt gesamt ca. 20.000 Träger. Als Beleg für die Lebendigkeit des Materials spielte er teils kurioses Audiomaterial der österreichischen Radiojournalisten Reinhard Schlögl, Erich Schenk und Herbert Loitsch ein.

    Friedrich Dethlefs vom Deutschen Rundfunkarchiv stellte den Bestand Peter Huverstuhl vor, eines privaten Sammlers, dessen ca. 1.800 Mitschnitte des Rundfunkprogramms von 1940-1944 (200h Gesamtdauer) vor einigen Jahren in das DRA gelangt sind. Die privaten Radiomitschnitte, die der Kölner Unternehmer und Studiobesitzer auf Decelith-Folien (Direktschnittfolien aus Kunststoff) anfertigte, sind eine einzigartige rundfunkhistorische Quelle, die nicht nur viel über die Nazi-Propaganda erzählt. Sie enthält neben OKW-Berichten auch Tagesnachrichten, Presseschauen, Reportagen und Kommentare, aber auch speziellere Formate zum „Führergeburtstag“ oder Weihnachtsringsendungen. Rundfunkhistorisch sind sie besonders wertvoll, da es aus dieser Zeit kaum Mitschnitte gibt.

    „Digiandi“ Andreas Knedlik präsentierte unter dem Titel „Save the Tapes. Die Verdatung privater Mitschnittsammlungen und ihre Relevanz für die Rundfunkgeschichte“ ein ganz besonderes medienarchäologisches Projekt: Seit Herbst 2010 sammelt er hobbymäßig Tonbänder und Kassetten mit privaten Aufnahmen von Rundfunksendungen, die in den Funkhäusern großenteils nicht archiviert sind. Die Sammlung umfasst alle offiziellen deutschsprachigen Programme, es sind private Mitschnitte von ehemaligen Machern, Dachboden- und Kellerfunde, Privatsammlungen. 27.000 Kassetten sind inzwischen im Bestand, ca. 150 Geräte zur hochwertigen Digitalisierung im Einsatz. Und der Fundus wächst. Ein Blick auf die Webseite www.digiandi.de lohnt sich, hier können Metadaten recherchiert werden. Mit seinem beeindruckenden privaten Projekt digitaler Quellensicherung sorgt Andreas Knedlik dafür, dass das Alltagsradio der 1970er bis 1990er Jahre auf absehbare Zeit erfahrbar bleibt. 

    Der erste Tag klang mit einer Führung zu historischen Orten auf dem Funkerberg aus. Rainer Suckow vom Förderverein „Sender Königs Wusterhausen“ e.V. präsentierte überbordend und kenntnisreich technische Details im Senderhaus 3 sowie geschichtliche Kontexte zum gesamten historischen Areal auf dem Funkerberg. Sein Enthusiasmus hat nicht zuletzt einen biografischen Hintergrund: Suckow selbst hat eine Ausbildung im Bereich Sendertechnik zu DDR-Zeiten auf dem Funkerberg absolviert, woran er sehr lebhafte Erinnerungen hat. Das Senderhaus 1, in dem sich u.a. das Museum befindet, wird derzeit saniert. Die historischen Sendeanlagen in Haus 3 machten mächtig Eindruck auf die Tagungsteilnehmer, zu denen auch eine große Anzahl Hallenser Studierender gehörte. Im anschließenden Kamingespräch sprachen Kai Knörr und Christoph Classen mit dem Medienjournalisten Jörg Wagner (rbb radioeins) und Rainer Suckow über Zugänge und die Vermittlung von Rundfunkgeschichte in professionellen Kontexten. Wichtig schien für beide zu sein, dass sich mit dem Rundfunk auch immer die Möglichkeit der Selbstaneignung und Emanzipation verbunden waren, dass in der Verwendung rundfunkhistorischer Dokumente und Technik unsere gesellschaftliche und technologische Gegenwart präziser und kritischer betrachtet werden kann.

    Panel 3 – Radio-Aktivist*innen im Archiv

    Der zweite Tag begann einem weiteren Gast aus Österreich: Paulina Petri vom Dokumentationsarchiv zur Erforschung der Geschichte des Funkwesens und der elektronischen Medien in Wien stellte die Arbeit ihres Archivs vor, das sich als Erinnerungslabor DokuFunk versteht. Es ist die weltweit größte Einrichtung mit Archivalien und Sammlungen jeder Art zur Geschichte des Funkwesens, mit den Schwerpunkten Rundfunk und vor allem Amateurfunk. Zurzeit betreut es über neun Millionen Objekte getreu dem Motto: „Keine Zukunft ohne Herkunft“. Das Archiv ist ein seit über dreißig Jahren sammelnd und wissenschaftlich tätiger gemeinnütziger und strikt nicht-kommerzieller Verein mit Sitz in Wien und weltweiter Mitgliedschaft (siehe www.dokufunk.org)

    Rebecca Hernandez Garcia vom Archiv der DDR-Opposition Robert Havemann Gesellschaft in Berlin und Frank Holzkamp (Radio 100) stellten das Radio 100-Archiv vor. Das Besondere an diesem vierjährigen „Radiorausch“ war die Grenzüberschreitung – formell wie sendetechnisch. Radio 100 sendete von 1987 bis 1991 von Westberlin aus und strahlte weit in die DDR und darüber hinaus aus. Frank Holzkamp sprach in diesem Zusammenhang von dem 10KW-Sender als ein „Monster-Sender“, der ganz Mitteleuropa bespielte. Er war durchaus ein Sonderfall der Radiogeschichte und diente letztlich auch als Experimentierfeld und professionelle Plattform für ca. 300 Mitwirkende, von denen heute einige sehr populär sind (z.B. Robert Skuppin). Die Grenzüberschreitung von Radio 100 war legendär. So fungierte das Format „Radio Glasnost“ als Sprachrohr der DDR-Opposition. Derzeit wird versucht, die Geschichte des Senders systematisch zu dokumentieren und erforschen. (siehe www.Radio100.de)

    Zum Abschluss der Tagung bot Ferdinand Klüsener von der Ruhr-Universität Bochum einen avancierten Blick zum DIY-Ansatz von Tetsuo Kogawas Polymorphous Space. Ein höchst philosophisches Angebot. Zum Tagungsfazit unter dem Motto „Bringt eure Bänder! & Roundtable: Potenziale privater Überlieferung zwischen Kassette und Youtube“ gab es nochmal sehr persönliche Einblicke. So präsentierten Kai Knörr, Golo Föllmer und Uwe Breitenborn anhand eigener Tapes biografische Zugänge zum Radio. Es zeigte sich, am Anfang war nicht nur die Technik, sondern stets auch die Liebe zum Radio. Und ein Speichermedium.

    Uwe Breitenborn (Berlin | Potsdam)
    Fotos: Kai Knörr, Susanne Hennings, Golo Föllmer

    RuG 3–4/2023 erschienen

    Im vor uns liegenden Jahr jagt ein Jubiläum das andere, wir werden aus dem Feiern kaum mehr heraus kommen. Gerade erst hieß es noch überall „100 Jahre Radio“, schon bald jährt sich der Start des ARD-Fernsehens zum 70. Mal, mit SAT.1 ging vor 40 Jahren der erste „Private“ des Dualen Systems auf Sender. Und nicht zu vergessen: Die kommende Ausgabe von Rundfunk und Geschichte öffnet den 50. Jahrgang der Zeitschrift.

    Trotz oder wegen – wir freuen uns, Ihnen in der jüngst erschienen Ausgabe die neue Rubrik „Rundfunkjubiläum“ vorstellen zu dürfen. Hier wollen wir einen Blick zurück werfen auf Ereignisse, die auf besondere Weise auf den Rundfunk eingewirkt oder ihn begleitet haben und uns darin vielleicht überraschen. Auf Ereignisse, die eine Verbindung herstellen zu aktuellen Trends, Innovationen oder schlicht zu etwas, das es lohnt, einmal in ein Schaufenster zu stellen.

    Cover der aktuellen RuG-Ausgabe
    Unser aktuelles Coverbild verweist auf die Berliner Voxstraße in der Nähe des Potsdamer Platzes. Foto: Susanne Hennings.

    Den Anfang macht „Die Geschichte des Vox-Hauses“. Als Autorin, Dokumentarin und Redaktionskollegin Susanne Hennings eine Woche vor dem 100-jährigen Jubiläum der ersten Unterhaltungssendung in der Alten Potsdamer Straße in Berlin auf Spurensuche nach diesem Ereignis war, wurde sie jäh enttäuscht. Keine Gedenktafel, keine Stele erinnert an den Rundfunk, der hier seinen Anfang nahm. Eine kleine, ganz unscheinbare Straße, etwas weiter östlich gelegen, wurde allerdings nach dem Vox-Haus benannt, wenn auch nicht in „Vox-Haus-Straße“, so doch immerhin in „Vox-Straße“. (Dergestalt könnte sie freilich auch an die Vox-Schallplatte- und Sprachmaschinen-AG erinnern.) Immerhin eine kleine Reminiszenz, möchte man meinen. Pünktlich zum großen Jubiläum sollte es dann aber doch eine Tafel geben, so viel sei hier schon verraten.

    Die Redaktion wünscht eine spannende Lektüre bei diesem und bei den weiteren Beiträgen, die wieder einmal die Vielfalt rundfunkhistorischen Arbeitens deutlich macht.

    Noch ein Hinweis in eigener Sache: Diese Ausgabe setzt einen Wechsel in der redaktionellen Verantwortlichkeit in Gang. Kiron Patka verabschiedet sich als Chefredakteur; Susanne Hennings sorgt nun dafür, dass der Studienkreis weiterhin regelmäßig zwei Ausgaben pro Jahr herausbringt, und wird dabei mit Gastherausgebern und Gastherausgeberinnen zusammenarbeiten.

    Neu erschienen: „Medien-Orte und Kultur-Räume. Das jüdische Breslau und der Rundfunk“ (Hans-Ulrich Wagner)

    Der Aufsatz von Hans-Ulrich Wagner beleuchtet die Arbeit der Funkstunde in Breslau von ihrer Gründung im Jahr 1924 über den Überfall des Studios durch die SA 1933 und der anschließenden gewaltsamen Ausgrenzung jüdischer Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen bis hin zum Ende des Sendebetriebs 1945. Er stellt dabei „die Rundfunk-Standorte in Breslau vor, zum einen als Medien-Orte im Sinne eines Schauplatzes der Geschichte, also eines materialisierten Raumes; zum anderen als kreative Orte, an denen Menschen zusammenkamen, die mit den technischen Möglichkeiten ihrer Zeit künstlerische und journalistische Praktiken ausübten“ (S. 225).

    Hans-Ulrich Wagner: Medien-Orte und Kultur-Räume. Das jüdische Breslau und der Rundfunk. In: Tim Buchen und Maria Luft (Hg.): Breslau / Wrocław 1933–1949. Studien zur Topographie der Shoah. Berlin: Neofelis 2023.

    Podcast: Der Osten im Westen. Literarische Schätze aus den Rundfunkarchiven

    Zahlreichen deutschsprachigen Autorinnen und Autoren, die nach dem Zweiten Weltkrieg aus dem östlichen Europa fliehen mussten oder vertrieben wurden, bot sich eine neue Aufgabe in den Rundfunkanstalten der vier Besatzungszonen, später der Bundesrepublik Deutschland und der DDR. Für viele war das mehr als nur eine Möglichkeit, ihren Lebensunterhalt zu verdienen. In ihren literarischen und publizistischen Arbeiten reflektierten sie die Erfahrungen von Krieg und Flucht, vom Verlust der Heimat und vom Start in einer neuen Umgebung.

    Die Biografien und Werke dieser Medienschaffenden standen bereits im Fokus des Workshops Der Osten im Westen. Deutschsprachige Autorinnen und Autoren aus dem östlichen Europa im Rundfunk nach 1945, der im Mai 2022 im Deutschen Rundfunkarchiv Potsdam-Babelsberg stattfand (ausführlicher Bericht in RuG 48, Heft 3-4, 2022). 

    Eine Doppelepisode des vom Deutschen Kulturforum östliches Europa publizierten Podcasts Von Asch bis Zips. Der Osten für die Ohren bringt nun unter dem Titel Der Osten im Westen. Literarische Schätze aus den Rundfunkarchiven exemplarische Themen des Workshops zu Gehör. Die Interviews von Podcast-Host Vera Schneider mit Fachleuten aus Wissenschaft und Archivwesen werden ergänzt durch O-Töne, Ausschnitte aus Lesungen und Hörspielen sowie andere teils rare akustische Fundstücke.

    Der erste Teil stellt Hildegard Maria Rauchfuß, Armin Müller und Christa Wolf in den Fokus, die in der DDR eine neue Heimat fanden. Der zweite Teil nimmt mit Siegfried Lenz, Friedrich Bischoff und Annelen von Mickwitz drei Medienschaffende in den Blick, die im westlichen Teil Deutschlands wirkten.

    Der Podcast kann über die Website des Kulturforums (Teil 1Teil 2) sowie über gängige Plattformen wie YouTube, Spotify, Audible und Apple-Podcast abgerufen werden.
    RSS-Feed: https://anchor.fm/s/43128390/podcast/rss

    Vera Schneider (Deutsches Kulturforum östliches Europa)