Heft 1-2/2020

Themenschwerpunkt:
Objektgeschichten des Rundfunks

Corinna R. Kaiser & Carolyn Birdsall
Von der Kardex-Kartei zur Einführung der Datenverarbeitungsmaschine
Die archivarische Praxis der ersten 20 Jahre des Deutschen Rundfunkarchivs

Abstract
Der Beitrag untersucht die archivarische Praxis des Lautarchivs des Deutschen Rundfunks (LdDR) bzw. Deutschen Rundfunkarchivs (DRA) während der ersten zwei Jahrzehnte seit seiner Gründung 1952. Im Mittelpunkt steht die Arbeit der Archivare Hans-Joachim Weinbrenner, Martin Kunath und Fritz Wilhelm Pauli, die bereits im nationalsozialistischen Rundfunk Karriere gemacht hatten und im LdDR nun am Wiederaufbau des historischen Schallarchivs beteiligt waren. Dabei entwickelten sie einen Zentralkatalog der Sammlungen von Musik- und Wortaufnahmen an den westdeutschen Rundfunkanstalten. Der Beitrag verfolgt die Entwicklung des Archivsystems von einem Kardex-System zu einer Standkartei mit auf Dezimalklassifikation basierender Systematik („Systematik Realkatalog Wort“, 1962). Die im Fokus stehenden Objekte der Rundfunkarchivgeschichte – Karteikarten, Kataloge und Beschreibwerkzeuge sowie deren materielle Qualitäten – werden eingeordnet in die Politiken und Praktiken des Archivs in der noch jungen Bundesrepublik, wobei die Organisationsprinzipien, Selektionskriterien und die verwendeten Begrifflichkeiten besonders in den Blick genommen werden. Der Artikel reiht sich ein in eine neuere Mediengeschichtsforschung, die zunehmend die Materialität von Audiotechnologien, -formaten und -medien berücksichtigt. Er erweitert diese Forschungsparadigmen auf Praktiken des Archivierens von Tondokumenten, die verwendeten Technologien und Systeme – hier am Beispiel der analogen Zeit vor Einführungen von EDV-Systemen in den 1970er und 1980er Jahren.

This article investigates the archival practices established at the German Radio Archive Lautarchiv des Deutschen Rundfunks (LdDR, today Deutsches Rundfunkarchiv or DRA), founded in 1952. Focusing on the first two decades of this institution, it examines the work of archivists like Hans-Joachim Weinbrenner, Martin Kunath, and Fritz Wilhelm Pauli, all former employees of pre-1945 German radio, who helped the LdDR to rebuild the historical sound and radio collections, and develop a central catalogue for West-German radio production and music collections. The article charts the development of a modernised archival system at the LdDR, which moved from a Kardex system to a card catalog, along with the establishment of a catalogue based on decimalised classification (“Systematik Realkatalog Wort”, 1962). In its focus on objects of radio archive history, this analysis pays close attention to the material qualities of archival index cards, catalogues and classification systems, while situating these artefacts within the politics and practices of the post-1945 radio archive, and highlighting its organisational priorities, selection criteria and language use. It draws from a new body of media historical scholarship sensitive to the materiality of sound technologies, formats and carriers, yet shifts this attention to sound archival practices, technologies and systems, as explored here in the “analogue” period prior to the introduction of electronic data processing (EDP) systems during the 1970s and 1980s.

Florian Schütz
„Das Nichts soll sich materialisieren!“
Rundfunkgeschichte in drei Objekten der Sammlung der Museumsstiftung Post und Telekommunikation

Abstract
Der Beitrag „Materialisiert euch!“ beleuchtet Objektgeschichten der Sammlung der Museumsstiftung Post und Telekommunikation (MSPT). Anhand von drei Objekten aus unterschiedlichen Bereichen der einerseits rundfunkhistorischen Sammlung, andererseits generellen Sammlungssystematik der Museumsstiftung, werden verschiedene Zeitebenen, Materialitäten sowie Herangehensweisen an das objektbasierte „Storytelling“ im Museum identifiziert: gewaltige Sendetechnik der 1920er Jahre aus Königs Wusterhausen, Radio-Selbstbau der Nachkriegszeit aus dem Gebiet der Westalliierten sowie das Verhandeln von Rundfunkkonsum, Freiheit und Kommunikation unter Nutzung des Mediums Brief zur Zeiten der Deutschen Teilung – über Grenzen hinweg. Diese stellvertretenden Objekte sind lediglich Schlaglichter auf eine Masse an Erzählmöglichkeiten, die sich „modernen“ Kurator*innen bieten können – wenn man weiß, welche Fragen an die Objekte gestellt werden müssen. Und sich zugleich bewusst ist, wer diese Fragen stellt oder eben auch nicht.

The article “Materialize!“ throws light on object (histories) out of the Museum Foundation Post and Telecommunication’s (MSPT) collection. Three objects from different areas of the broadcasting collection, for one, and, on the other hand, from the collection in general, open up various timelines, materials, and approaches, when it comes to storytelling within the museum using historical objects: massive broadcasting gear from the 1920ies from Königs Wusterhausen, after war Radio-DIY out of the west allies’ zone in Germany, and the borderless discourse about listening to the radio, freedom, and paper-bound communication at times of the division of Germany. These objects represent merely focal points. There are far more types of approaches of how to tell a story when it comes to “modern” curation. You have to know which questions are to be asked. And you have to know, who is asking, or who is not.

Elfi Vomberg
Zwischen Elektroschrott und Ausstellungsobjekt
Das Studio für Elektronische Musik des WDR auf dem Weg zur Musik- Reliquie. Eine Objektgeschichte in fünf Szenen

Abstract
Im Keller und auf dem Dachboden eines Industriegebäudes in Köln-Ossendorf steht inzwischen das legendäre „Studio für Elektronische Musik“, die einstige Pioniereinrichtung des Westdeutschen Rundfunks – eingepackt in Kartons und ausgestellt ohne Funktion. Zwischen Verschrottungsdebatten und musealen Zukunftsszenarien macht sich der Beitrag auf medienarchäologische Spurensuche zwischen Keller und Dachboden und legt dabei verschiedene Perspektiven auf das Studio frei: Während im Unternehmens- und Schallarchiv die Materialitäten der Tonbänder, Akten, Dokumente und Briefe im Spiegel von Speicher- und Digitalisierungsprozessen sowie Fragestellungen zum kulturellen Gedächtnis in den Fokus rücken, kommen im Keller und auf dem Dachboden in Köln-Ossendorf neben Mülltheorien auch Überlegungen zu „toten Medien“ zum Tragen, denn letztlich ist das Studio für Elektronische Musik des WDR im jetzigen Zustand ein ,medienhistorischer Leichnam‘.

In the basement and in the attic of an industrial building in Cologne-Ossendorf there is now the legendary „Studio for Electronic Music“, the former pioneer institution of the Western German Broadcast-ing Corporation – packed in boxes and exhibited without function. Between debates about scrapping it and future scenarios as a museum, the article sets out to search for media archaeological traces between the basement and the attic, thereby exposing different perspectives on the studio: While in the corporate and sound archive the materials of the tapes, files, documents and letters are illuminated concerning the process of storage and digitization and furthermore questions about cultural memory and garbage theories are examined, considerations about „dead media“ come into play, for the studio for electronic music of the WDR in its current state beeing a „media-historical corpse“.

Karin Martensen
Mikrophon und Habitus
Überlegungen zum Mikrophongebrauch in der klassischen Musikaufnahme

Abstract
Es gibt im Bereich der klassischen Musik noch immer keine Theorie der Musikproduktion, in der Gestaltungsprinzipien herausgearbeitet sind sowie eine wissenschaftliche Basis zu deren technischen Umsetzung und diskursiven Verhandlung zwischen den beteiligten Akteuren gelegt wurde. Mit diesem Aufsatz soll versucht werden, einen ersten ,Pflockʻ zu einer solchen Theorie einzuschlagen, wobei ich mich auf Überlegungen zum Mikrophongebrauch in der Tonaufnahme beschränke. Hierbei gehe ich von der Annahme aus, dass man Tonaufnahme als diskursiven Raum, ja geradezu als ein Netzwerk der Diskurse auffassen kann. Diese Diskurse laufen einerseits in den handelnden Personen auf der Bühne und hinter der Bühne zusammen, andererseits in den verwendeten Gegenständen, also den Mikrophonen. Um den subjektiven Wahrnehmungsweisen und Bedeutungszuweisungen der handelnden Akteure in Bezug auf den Mikrophongebrauch nachzuspüren, sollen diese und ihr soziokulturelles Umfeld mittels einer Artefaktanalyse betrachtet werden.

There is still no theory of music production in the field of classical music in which design principles have been worked out and a scientific basis for their technical implementation and discursive negotiation between the actors involved has been laid. This essay is an attempt to provide a first stake into the ground on such a theory, whereby I will limit myself to considerations on the use of microphones in sound recording. In doing so, I start from the assumption that sound recording can be understood as a discursive space, even as a network of discourses. These discourses converge on the one hand in the people acting on stage and backstage, and on the other hand in the objects used, i.e. the microphones. In order to trace the subjective modes of perception and the assignment of meaning of the acting actors in relation to the use of microphones, they and their socio-cultural environment will be examined by means of an artefact analysis.

Kiron Patka
Große und kleine Gesten
Hörspielproduktion 1970/1995 – Eine ethnografische Vignette

Abstract
In Form einer „ethnografische Vignette“ schildert der Text einen technologischen Umbruch in der Hörspielproduktion in den frühen 1990er Jahren, nämlich den von analoger Produktionstechnologie mit Bandmaschinen hin zu digitaler Produktionstechnologie mit digitalen Harddiskrecording-Systemen. Er macht dabei deutlich, dass sich dieser Wechsel nicht allein auf der Ebene einer technischen Infrastruktur vollzieht, die sich gewissermaßen ‚unter der Oberfläche‘ befindet. Stattdessen verändert dieser Medienumbruch auch die Verfahren des Produzierens in sehr tiefgreifender Weise – mit Auswirkungen auf die Ästhetik von Hörspielen gleichermaßen wie auf die Produktionskulturen im Tonstudio. Der Text geht dabei besonders darauf ein, wie der Wechsel analog/digital die Körper der Beteiligten betrifft, ihre Formen der Kommunikation und Interaktion verändert und die im Tonstudio herrschenden Machtverhältnisse verschiebt.

Reproducing the genre of an “ethnographic vignette”, the text describes a technological turn in the production of radio dramas in the early 1990s, namely that of analogue production technology with tape machines to digital production technology with digital hard disk recording systems. It will become clear that this change is not only taking place at the level of a technical infrastructure that stays hidden ‘below the surface’. Instead, this media upheaval is, too, changing production processes in a very profound way – with effects on the aesthetics of radio plays as well as on production cultures in the recording studio. The text deals in particular with how the change from analogue to digital affects the bodies of those involved, alters their forms of communication and interaction and shifts the power relations prevailing in the recording studio.

Pia Fruth
Zurückgespult!
Ein in mehrerer Hinsicht biographischer Essay über Radioarbeit im Kassettenzeitalter

Abstract
1963 bringt die niederländische Firma Philips die erste Kompaktkassette samt zugehörigem Kassettenrekorder auf den Markt. Was zunächst vor allem als Innovation für den privaten Medienkonsum gedacht war, entwickelt sich rasch zum Alltagsgegenstand und hält schließlich auch Einzug in den Arbeitsalltag professioneller Radiojournalistinnen und -journalisten. Dank der Mobilität der Kassettengeräte werden schnelle Vor-Ort-Aufnahmen außerhalb der Studios in großem Umfang möglich. Kassetten und Rekorder sind außerdem kostengünstig und leicht zu bedienen, so dass viele Sender flächendeckend Reporterinnen und Reporter damit ausstatten. Mit Kassetten umgehen kann jeder – auch die Menschen, die nun zunehmend in Umfragen, Interviews und O-Tönen zu hören sind: die Menschen „von draußen“. Mit der Kassette verschwindet so die gerätetechnisch herbeigeführte Hierarchie zwischen Reportern und Interviewten – die Menschen müssen nicht mehr ehrfürchtig daneben stehen, wenn komplizierte Geräte wie die „Nagra“ an Ort und Stelle aufgebaut, in Position gebracht und bedient werden.
Mit der Kassette ändert sich die Arbeit der Reporter*innen, die Ästhetik der Radioprogramme und das Verhältnis zwischen Publikum und Rundfunkanstalt. So bringt die Kassette den deutschen Rundfunk einen Schritt weiter in Richtung des von Brecht schon 1932 gewünschten „Kommunikationsapparats öffentlichen Lebens“, an dem Hörerinnen und Hörer gleichermaßen beteiligt sind wie die Produktionsteams in den Funkhäusern.

Max-Lukas Hundelshausen
MANTRA auf der Bühne
Zwei Aufführungsfassungen der Komposition Karlheinz Stockhausens im analytischen Vergleich

Abstract
Für die Aufführung von MANTRA für zwei Pianist*innen von Karlheinz Stockhausen werden nach Angaben des Komponisten in der Partitur spezielle elektronische Geräte benötigt. Die sogenannten Kleinklangumformer wurden 1970 eigens für die Uraufführung der Komposition bei den Donaueschinger Musiktagen entworfen und gebaut. Es handelt sich um Unikate, die heute, Jahrzehnte später, nicht mehr ohne weiteres einsetzbar sind. Das Stück kann aufgeführt werden, wenn technische Anpassungen und Erneuerungen vorgenommen werden. Ein Beispiel hierfür ist eine Interpretation des britischen Komponisten und Klangkünstlers Newton Armstrong. In diesem Aufsatz wird gezeigt, welcher technischen Elemente sich die Entwickler des Originalgeräts von 1970 bedient haben. Der analogen Urfassung wird die volldigitale Version von Armstrong aus dem Jahre 2010 gegenübergestellt. Dies geschieht anhand einer komparativen Analyse der technischen Signalverarbeitungskette, der Bedienoberfläche und des Höreindrucks. Es zeigt sich, dass sich beide Fassungen im Prinzip ähneln, obwohl sie sich in der technischen Umsetzung stark unterscheiden. Die wesentlichen Unterschiede finden sich in der Klanggestaltung.

To perform the piece MANTRA by Karlheinz Stockhausen special devices are needed as noted in the score by the composer. The so called „Kleinklangumformer“ was built specifically for the premiere in 1970 at the Donaueschinger Musiktage. These devices are unique in the world. Today, decades after the first performances, they have aged considerably. The composition can still be performed, though, if the devices’ principles are adapted and rebuilt using a more recent technical standard. One example for this is an interpretation of MANTRA by the British composer and sound artist Newton Armstrong. In this essay, the technical elements that constitute the original instrumentsfrom are examined. They are then compared to the instruments built by Armstrong in 2010. The comparison looks at the signal processing chain, the user interface and the sound of the two versions. The conclusion of the analysis is that both interpretations of the electronic body in the piece sound similar, even though they are developed with drastically different means on a technical level. Most noticable differences can be pinned on live mixing and the performance of the sound direction.

Rundfunkhistorisches Gespräch

Judith Kretzschmar & Rüdiger Steinmetz
„Wir hatten immer Sendezeit, wie wir wollten.“
Rundfunkhistorisches Gespräch mit Gerd Simmank

Forum

Edgar Lersch
Nachruf: Dietrich Schwarzkopf 1927–2020

Dissertationsprojekte

Ania Mauruschat
Radiophonie, Störung und Erkenntnis
Zur Epistemologie der Radiokunst am Beispiel der Katastrophenhörspiele von Andreas Ammer und FM Einheit

Abstract
Obwohl die Digitalisierung die Eliminierung von Geräuschen und Störungen verspricht, verschwinden diese nicht komplett, sondern verwandeln sich z. B. in künstlerisches Material. Insbesondere die Katastrophenhörspiele der deutschen Hörspielmacher Andreas Ammer und FM Einheit sind voller Störungen und stehen nicht zuletzt dadurch in einem signifikanten Kontrast zur deutschen Hörspielgeschichte seit 1933, für die ein auffallender Mangel an Geräuschen zu konstatieren ist. Ihre Katastrophenhörspiele werden als Beispiele künstlerischer Forschung im Sinne einer Epistemologie des Ästhetischen verstanden, wie sie der Medienphilosoph Dieter Mersch vertritt. In Anlehnung an Michel Serres‘ Philosophie der Störung und seiner These, dass die „Störung immer Teil der Gleichung bleibt“ (Schweighauser) wird argumentiert, dass die künstlerisch – anhand von Störungen bzw. Störgeräuschen – ausgestellten Medien in diesen Katastrophenhörspielen als Reaktion auf die „stille“ technologische Entwicklung verstanden werden können. Die eigentliche Katastrophe, um die es in ihnen geht, wären somit das Ende des Radios, wie wir es bisher kannten. Die Arbeit untersucht 50 Hörspiele von Ammer und Einheit und bezieht sich auf zahlreiche Werke aus der internationalen Geschichte der Radiokunst. Die zentralen Forschungsfragen lauten: Welche ästhetischen, semantischen und epistemologischen Bedeutungen haben ‚Störungen‘ in den Katastrophenhörspielen von Ammer und Einheit?

Although digitization promises the elimination of noises and disturbances, these features do not vanish completely. In some cases, they can turn into artistic material. The catastrophic radio plays by the German radio-play makers Andreas Ammer and FM Einheit are especially full of noises and disturbances and therefore mark a strong contrast to the history of German radio drama since 1933, which significantly lacks noises. These plays are understood as examples of an epistemology of (radio) art and artistic research the way media philosopher Dieter Mersch coined it. Following Michel Serres’ philosophy of noise and his assumption that “[n]oise always remains part of the equation” (Schweighauser), one can argue that the artistic display of media through noises in these catastrophic radio plays is a reaction to “silent” technological development. The actual “catastrophe” all plays deal with then would be the catastrophe neither of the apocalypse, nor of a war, a plane crash or a revolution, as one might think from the titles of the plays. The real “catastrophe” these plays are concerned with is the end of radio as we know it. The project examines over 50 radio plays by Ammer and Einheit, while also considering crucial works from the international history of radio art. Key research questions are: What aesthetic, semantic and epistemological meanings do noises have in the catastrophic radio plays of Ammer and Einheit?

Melanie Mika
Produktive Psychopathen
Die Ästhetik psychisch kranker Serienfiguren als Reflexion gesellschaftlicher Ängste und politischer Konflikte

Abstract
Meine Dissertation untersucht die Darstellung von psychisch kranken Figuren in aktuellen US-amerikanischen Fernsehserien. Dabei konzentriert sie sich nicht auf die Figurenpsyche, sondern analysiert, wie diese Krankheiten in den Serien aussehen und wie sie klingen. Ziel der Arbeit ist es, die Ästhetik dieser Figuren zu verstehen. Dabei gehe ich zwei aufeinander aufbauenden Fragen nach: Wie werden psychisch kranke Figuren dramaturgisch inszeniert und ihre psychischen Störungen filmisch ästhetisiert? Und welche gesellschaftlichen Ängste und Weltanschauungen reflektieren diese Figuren? Als Kulturprodukte lassen sich Serien und ihre Figuren immer auch gesellschaftspolitisch lesen. Konkret prüft meine Arbeit erstmals die These, dass produktive Psychopathen als Figuren des 21. Jahrhunderts post-9/11-Politiken und -Traumata spiegeln. Damit begreife ich die Darstellung psychisch kranker Figuren in aktuellen Serien als historisch gebundenes Phänomen.

My PhD project examines the depiction of mentally ill characters in current American television serials. In doing so, it does not focus on character psychology, but analyzes what mental distress looks like and sounds like in serials. The aim of this thesis is to understand the aesthetics of these characters. Therefore, I pursue two questions that build up on each other: Firstly, how are mentally ill characters dramaturgically staged and their mental disorders audiovisually aestheticized? And secondly, what social fears and world views do these characters reflect? As cultural products, serials and their characters can always be read in a socio-political context. Specifically, my work is the first to explore the hypothesis that productive psychopaths as characters of the 21st century are a reflection of post-9/11 politics and traumata. Thus, I understand the depiction of mentally distressed characters in current serials as a historically bound phenomenon.

Fritz Ludwig Schlüter
Geschichte und Ästhetik der „Atmo“
„Ambient sound“ als Gegenstand praktischer Gestaltung und künstlerischen Wissens

Abstract
Terms like ‘ambience’, ‘room tone’ or ‘atmosphere’ are essential parts of a professional jargon in radio and film, suggesting that sonic ambiences are readily available and easy to manage—virtually at the push of a button. In today’s media practice, the application of ambient sounds has become a matter of course. However historically, ‘ambience’ was considered to be a technical problem (background noise) as well as a ‘new’ phenomenon, an unacquainted aesthetic ‘object’. Up until now, ‘ambiences’ or ‘atmospheres’ are marked by a certain fuzziness – both in a phenomenological and in a conceptual sense. This will be addressed with particular regards to their handling in practice: In order to obtain, process, and diffuse sonic ‘ambiences’, a whole set of technical, creative, artistic skills is needed—involving a knowledge which can largely be characterised as implicit, incorporated. For the practitioners themselves, explication or verbalisation isn’t mandatory at all, (experiential) knowledge can be effectively acquired and passed on in and through practice. Therefore, the project aims to describe some of the routines, strategies and (bodily) techniques involved in sound and media production and education. Central to the project is the question, what ambience, as a particular sonic form, ‘does, how it operates, what changes it effectuates’ (Christoph Cox).

Rezensionen

Fred von Hoerschelmann
Werke I–IV. Hörspiele I; Hörspiele II; Erzählungen; Schauspiele, Gedichte und Aufsätze und Essays zur Literatur
(Hans-Ulrich Wagner, Hamburg)

Gunter Holzweißig
Agitator und Bourgeois. Karl-Eduard von Schnitzler
(Christoph Classen, Potsdam)

Edward Brennan
A Post-Nationalist History of Television in Ireland
(Andre Dechert, Münster)

Mitteilungen aus dem Studienkreis

Kiron Patka, Judith Kretzschmar & Kai Knörr
50 Jahre Studienkreis Rundfunk und Geschichte: Ein Netzwerk für Mediengeschichte und audiovisuelles Erbe
Ergebnisse einer Klausurtagung zur Zukunft des Studienkreises

Geplante Jahrestagung 2020 in Marl
Verschiebung auf 2021 infolge der Corona-Pandemie

Folgen der Disruption. Worauf wir uns einstellen
Aufruf für die RuG-Ausgabe 3–4/2020