Tagungsbericht: Vom Leitmedium zum Medium light? Fernsehen und Politik in historischer Perspektive

52. Jahrestagung des Studienkreises Rundfunk und Geschichte in Kooperation mit dem ZDF am 22. und 23. September 2025 in Mainz

Der Studienkreis Rundfunk und Geschichte war mit seiner Jahrestagung diesmal beim ZDF zu Gast. Das Thema „Fernsehen und Politik“ lag nicht nur angesichts des Ortes auf der Hand. Mit Blick darauf, dass der Studienkreis vor 40 Jahren – 1985 – zuletzt in Mainz tagte, verwies die Leiterin des ZDF-Archivs Beate Scherer in ihrer Begrüßung auf den Public Value des öffentlich-rechtlichen Fernsehens. Für ihre Abteilung bedeutet das konkret: Das ZDF-Archiv beantwortet jährlich rund 300 Anfragen. Gut, mit diesem aktuellen Thema wieder hier präsent zu sein. Auch der Vorsitzende des Studienkreises, Kai Knörr, betonte den Wert echter Begegnungen. Das Zusammensein vor Ort sei ein nicht zu unterschätzender Gewinn.

Rundfunk als Bollwerk der Demokratie

Den Auftakt bildete die Keynote von Steffen Grimberg (Katholische Nachrichtenagentur). Er stellte die Frage: „Warum braucht eine wehrhafte Demokratie einen wehrhaften Rundfunk?“ Kann sich der Öffentlich-rechtliche Rundfunk gegen seine Feinde wehren? Seine Antwort: Ja – er muss es sogar. Die Verteidigung des ÖRR sei staatskonstituierend, betonte Grimberg. Der „Beitragspopulismus der Politik“ habe das Feld mittlerweile vermint, hausgemachte wie globale Entwicklungen setzten Journalismus und Medien massiv unter Druck. Sie folgen, so Grimberg, Viktor Orbans Playbook: Verleumde die Medien, überziehe sie mit Klagen, unterlaufe die Spielregeln. Manipuliere. Die hysterischen Debatten um Elmar Theveßen und Dunja Hayali sind aktuelle Beispiele hierfür. Doch Defensive sei die falsche Antwort. Der ÖRR solle offensiv auf seine Marktstärke und seinen Public Value hinweisen. Beispiele von Verständniszuwachs entstünden dort, wo Medienarbeit transparent gemacht werde. Ob allerdings rein voluntaristische Lösungen greifen, sei fraglich – so eine Stimme aus dem Publikum.

Das Fernsehen als Ort des Politischen

Alexander Moutchnik (Hochschule RheinMain, Wiesbaden) widmete sich dem Politikmagazin Was nun? Besonders war bei diesem Part die Anwesenheit des ehemaligen ZDF-Chefredakteurs Klaus Bresser, der das Format 1985 auf den Weg brachte. Was nun? zählt bis heute zu den wichtigsten Politiksendungen im deutschen Fernsehen. Grund genug für die amtierende Chefredakteurin Bettina Schausten, als „Überraschungsgast“ vorbeizuschauen und einige Worte an Klaus Bresser und die Tagungsgäste zu richten. Moutchnik präsentierte die Programmgeschichte des Formats als eine Art Seismograf für Politik- und Mediengeschichte der Bundesrepublik. Unterhaltsam waren die empirischen Befunde, die bild- und zahlenreich dargeboten wurden: 75 Sendungen, 8033 Minuten Livefernsehen, 346 Gäste – mehrheitlich Männer – darunter 61 Überraschungsgäste, zumeist Frauen. Die Top-3-Liste der Gäste führt Angela Merkel (19x) an, gefolgt von Gerhard Schröder (17x) und Joschka Fischer (14x).

Anschließend sprach Steffen Grütjen (Katholische Universität Eichstädt-Ingolstadt) über die medienjournalistische Berichterstattung in Formaten wie betrifft: Fernsehen (ZDF) und Medienreport (NDR). Gemeinsam mit Hans-Ulrich Wagner (Hans-Bredow-Institut Hamburg) forscht er zu Veränderungen in diesem Segment.

Marie Sophie Beckmann (Carl von Ossietzky Universität Oldenburg) überraschte mit einem Beitrag über audiovisuelle Protestkulturen, wie sie sich beispielsweise in der australischen Youtube-Compilation „A message to the mainstream media“ zeigt, die auf einer Kampagne des rechten Spiritus Rektor Fanos Panayides fußt. Mainstream Media: You are the virus! – so lautet ein Slogan in diesem wilden Clipmix, der vor allem die wütende Zerstörung von Bildschirmen zeigt (inkl. aufgebrachter Kommentierung). Diese Pandemie-Videos sind geprägt von Paranoia, Hyperpersuasion und affektgesteuerte Irrationalität, so Beckmann. Sie erinnerte an Noam Chomskys einflussreichen Essay „What makes Mainstream Media Mainstream?“ (1997). Die heutige Entwicklung sei Ausdruck von Fragmentierung, Multiplizierung und Konvergenz des Fernsehens mit digitalen Medien – paradoxerweise zugleich Beleg für seine fortbestehende Relevanz als kultureller Verhandlungsort.

Den Abschluss des Tages bildete der Beitrag von Udo Michael Krüger (Institut für Empirische Medienforschung, Köln). In einer Zeitreise blickte er 40 Jahre zurück auf entscheidende Jahre der Programmforschung. In der Zeit der Einführung des Dualen Systems dominierten letztlich Fragen der Marktaufteilung. Wer bekommt die Werbung, wer bekommt die Gebühren? Dies spiegelte sich deutlich im Programmgeschehen wider. Möglich war dies durch neue Ansätze in der Programmforschung: „Wir zerlegten das Programm nach Sendungen, jede Sendung nach Beiträgen, Beiträge nach Akteuren und Themen.“ Im anschließenden Gespräch mit Gerlinde Frey-Vor (MDR) wurde der Wert dieser systematischen Methodik hervorgehoben.

Politik in Unterhaltung und Geschichtsformaten

Der zweite Tagungstag widmete sich in einem ersten Panel der Politik in Unterhaltungs- und Geschichtsformaten. Den Anfang machte Christoph Classen vom Leibniz-Zentrum für Zeithistorische Forschung, Potsdam. Ihn interessierte der professionelle Lokalpolitikbetrieb als Sujet in Fernsehserien der frühen 1970er Jahre. Zwei Vorabendserien stehen dafür exemplarisch: 6 unter Millionen (13 Folgen, ZDF 1973) und Gemeinderätin Schumann (13 Folgen, ARD/HR 1974). Beide Serien durchwehte ein sozialliberaler Zeitgeist mit emanzipatorischer Botschaft. Die Sichtbarkeit einer Frau im männerdominierten Politikbetrieb oder jugendlicher Idealismus, der am Establishment scheitert – beide Serien standen für Fortschrittsoptimismus, Pragmatismus und Kompromissfähigkeit und repräsentierten neue Zugänge zur Darstellung des politischen Betriebs.

Sandra Nuy von der Universität Siegen veranschaulichte anhand einzelner Episoden der ZDF-Reihe Das Traumschiff, wie politische Diskurse inszenatorisch aufgegriffen werden. Seit November 1981 wurden bisher 105 Episoden der Reihe ausgestrahlt. Punktuell werden „tabuisierte“ Themen aufgegriffen, wie zum Beispiel in der Folge Ägypten: Die Dame Esmeralda (1993). Hier wurde offensiv das Thema Queerness verhandelt, obwohl die Abschaffung des Schwulenparagrafs §175 erst ein Jahr später erfolgte. Anhand solcher Beispiele lässt sich zeigen, wie der Raum des Sag- und Machbaren auch durch TV-Formate erweitert wird. Neuartige Anerkennungsverhältnisse, veränderte Macht- und Herrschaftsbeziehungen werden hier verhandelt.

Monika Weiß von der Philipps-Universität Marburg widmete sich Frauenfiguren in fiktionalen Geschichtsproduktionen des ÖRR. Mit Bezug auf Judith Butler, die Malisa-Studie und andere Quellen untersuchte sie zwei Produktionen, um zu zeigen, wie weiblicher Heroismus in historischen Bezügen konstruiert wird. Dies lies sich zum Beispiel anhand der Krankenschwester Anna Mauth in dem ZDF-Zweiteiler Dresden (2006) zeigen. Noch prägnanter zeigt sich dies in der Reihe Ku’damm 56 bis Ku’damm 63, in der ein weiblicher Cast dominiert. Die Frauen der Familie Schöllack agieren zwischen Selbstbestimmung und Tradition in den patriachalen Strukturen der Wirtschaftswunderjahre, was konfliktreich ist. Die „selbstgezogene Agency“ dieser Frauen bricht damit auch den männlich dominierten Blick auf Geschichte auf.

Tim Tolsdorff von der HAW Hamburg wartete mit einer spannenden Geschichte über die „drei Leben“ des STERN-Journalisten Michael Mansfeld auf: als Investigativ-Pionier, Autor und BND-Agent. Sein Name ist unter anderem verbunden mit den Eichberg-Reportagen (1950) und andere Recherchen über Naziverstrickungen westdeutscher Eliten. Als Drehbuchautor war er an dem Bernhard-Wicki-Film „Die Brücke“ beteiligt und produzierte darüber hinaus dokumentarische und fiktionale Produktionen im ÖRR. Er war aber auch als Informant (Deckname „Frauendorfer“) des BND tätig und zum Beispiel unrühmlich in die Causa Reinhard-M. Strecker verstrickt. Mansfeld Karriere weist daher gravierende Widersprüche auf. Tim Tolsdoff beleuchtet hier ein bisher wenig bekanntes Kapitel bundesdeutscher Politik- und Mediengeschichte.

Über Loriot ist eigentlich schon alles gesagt – könnte man meinen. Überraschend war daher der Beitrag von Antonia Kunze von der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg. Sie analysierte medienreflexive Repräsentationen des Fernsehens und Politikpersiflagen in den Fernsehwerken Loriots. Daraus entspann sich in der anschließenden Diskussion unter anderem auch eine interessante Diskussion, inwieweit die Art und Weise von Mansfeld und Loriot vergleichbar sind, denn beide verarbeiten mit ihren Werken auch persönliche Traumatisierungen aus der NS-Zeit. Vergleichbar ist es aber eigentlich nicht. Während Loriot darauf mit Humor reagiere, sind Mansfelds Arbeiten eher von Furor geprägt. 

Blick nach Osten

Im letzten Panel der Tagung richtete sich der Blick gen Osten. Will man gegenwärtige Nutzungsmuster verstehen, hilft der Blick auf vergangene (Medien-)Erfahrungen. So rief Nikolai Okunew vom Leibniz-Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam die Rechtsextremismus-Berichterstattung bei MDR und ORB in den 1990er Jahren in Erinnerung. Entgegen der verbreiteten Annahme sei sehr detailliert berichtet worden. Die Baseballschlägerjahre sind im ÖRR also gut dokumentiert. Problematisch war jedoch der Duktus: Rechtsextremismus wurde entpolitisiert, als Jugendkultur oder Ordnungsstörung gefasst, zivilgesellschaftliches Engagement blieb oft außen vor. Erst allmählich vollzog sich hier ein Wandel. 

Gerlinde Frey-Vor vom MDR fragte in ihrem Beitrag schließlich, ob Ost- und Westdeutsche anders fernsehen. Ausgangspunkt waren Rezeptionsstudien der 1990er- und frühen 2000er-Jahre. 1991 erschien die erste gesamtdeutsche Massenkommunkationsstudie. 1994/95 folgte dann die erste Spezialstudie (Oststudie), beauftragt von der ARD/ZDF-Medienkommission, die nach Gründen für die abweichende Mediennutzung in Ost und West suchte. Auch andere Studien offenbarten ein von der westdeutschen Normalität abweichendes Informationsverhalten in Ostdeutschland, das unter anderem auch auf einer unkomplizierten Haltung zum Dualen System fußte. Das Thema ist so umfassend, das sich hieraus ein eigenes Tagungsthema generieren ließe. 

Fazit: Public Value im Stresstest. Fernsehen in der Transformation

Was bleibt von der Tagung? Medienmacher stehen unter großem Druck, sich in dem erregten politischen Diskurs zu behaupten. Das an sich ist nicht neu. So warnte beispielsweise 1979 der damalige Bundeskanzler Helmut Schmidt eindringlich vor dem Privatfernsehen, das die „Strukturen der demokratischen Gesellschaft“ gefährden könne. Schmidts Prognose mag rückblickend zu düster gewesen sein, doch zugleich wirkt sie angesichts der aktuellen Herausforderungen für die Demokratie im digitalen Zeitalter hoch aktuell. Der Studienkreis nahm dies zum Anlass, um die Rolle des Fernsehens als politischen Akteur und Projektionsfläche politischer Aushandlungen zu untersuchen: vom Aufstieg zum Leitmedium bis zur digitalen Transformation. Im Fokus standen medienpolitische Strukturen, politische Inhalte und gesellschaftliche Aneignung – damals wie heute. Dem ZDF sei nochmal herzlich gedankt, den spannenden Debatten der Tagung einen anregenden Raum gegeben zu haben.

Dr. Uwe Breitenborn

Neuer Vorstand des Studienkreises gewählt
Die ordentliche Mitgliederversammlung wählte in Mainz am 23. September 2025 den neuen Vorstand des Studienkreises. Der Vorstand bleibt unverändert. Als Vorsitzender wurde Dr. Kai Knörr (Potsdam) wiedergewählt, als Stellvertreter fungieren Prof. Dr. Golo Föllmer (Halle) und Dr. Yulia Yurtaeva-Martens (Potsdam). Schatzmeister bleibt Dr. Veit Scheller (ZDF Mainz), als Schriftführer wurde Dr. Uwe Breitenborn (Berlin) bestätigt. Dem neu gewählten Vorstand gehören als Beisitzer weiterhin Dr. Christoph Rosenthal (Berlin), PD Dr. Gerlinde Frey-Vor (MDR Leipzig) und Dr. Christoph Classen (ZZF Potsdam) sowie als Vertreterin des DRA Susanne Hennings an. Als Kassenprüfer wurden Dr. Heiner Schmitt (Ingelheim) sowie neu Prof. Dr. Edgar Lersch gewonnen. Die kooptierten Mitglieder des Vorstandes werden zu einem späteren Zeitpunkt benannt.

Fotos: Studienkreis RuG/Föllmer/Breitenborn/Kuhr

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