Fragmentierte Öffentlichkeit: Vom Lagerfeuer zur Filterblase?
53. Jahrestagung des Studienkreises Rundfunk und Geschichte

1. und 2. Oktober 2026, Mitteldeutscher Rundfunk (MDR), Landesfunkhaus Thüringen, Erfurt

Call for Papers

Der Studienkreis Rundfunk und Geschichte ruft zur Einreichung von Beiträgen für seine kommende wissenschaftliche Tagung zum Thema „Fragmentierte Öffentlichkeit: Vom Lagerfeuer zur Filterblase“ auf. Forscher:innen aus den Bereichen Geschichts-, Medien- und Sozialwissenschaften, Medienschaffende und Interessierte sind eingeladen, sich in historischer Perspektive mit der Evolution von medialer Öffentlichkeit und deren Fragmentierung zu beschäftigen.

Seit Jürgen Habermasʼ historischer Studie „Strukturwandel der Öffentlichkeit“ (1962) wird das Verhältnis von Massenmedien, Gesellschaftswandel und politischer Kommunikation diskutiert. Während Habermas seinerzeit den Verfall einer (idealisierten) bürgerlichen Öffentlichkeit der Aufklärung im Zuge von Industrialisierung und Kommerzialisierung beschrieb, richtet sich das heutige Interesse meist auf den „Zweiten Strukturwandel der Öffentlichkeit“. Gemeint ist damit die Vervielfältigung, Ausdifferenzierung und strukturelle Veränderung elektronischer Medien im digitalen Zeitalter seit Ende der 1980er Jahre. 

Die Pluralisierung von medialen Angeboten und damit verbundene Tendenzen gesellschaftlicher Individualisierung lassen sich kaum bestreiten: Während populäre Formate wie z.B. die „Samstagabendshow“ oder Hauptnachrichtensendungen in der Prime Time in der Hochphase des Fernsehens noch generationsübergreifende Mehrheiten vor dem Bildschirm versammeln konnten, ist diese Form gemeinsamer Teilhabe heute offenkundig passé. Aber rechtfertigt dies bereits die Annahme eines Zerfalls der Öffentlichkeit und damit verbundener Gefahren für das demokratische System? Denkbar ist ja auch, dass diese Integrationsleistung historisch eine Ausnahmesituation war, die allein das Fernsehen von den 1960er Jahren bis in die frühen 1980er Jahre geschaffen hat. Notwendig ist demnach ein präziser und historisch informierter Blick: Durch welche Merkmale zeichnen sich Medien im Zeitalter der Plattformen, Algorithmen und LLMs aus, und welche Konsequenzen hat dies für die öffentliche Kommunikation? Wie unterscheiden sich diese von früheren historischen Konstellationen? Und rechtfertigt dies tatsächlich die Rede von „Filterblasen“ und einem „Zweiten Strukturwandel der Öffentlichkeit“?

Wir suchen Beiträge, die sich mit den historischen, sozialen und technologischen Dimensionen dieses Wandels befassen. Denkbar sind sowohl konkrete empirische Fallstudien als auch übergreifend oder theoretisch orientierte Vorträge. Mögliche Themenbereiche könnten z. B. sein:

  • Historische Perspektiven: Die Rolle von Medien im vordigitalen Zeitalter beim Aufbau von (gemeinsamen) Öffentlichkeit(en)
  • Technologie und Medienwandel: Wie Infrastrukturen und neue Formate die individuelle Informationsaufnahme verändern
  • Soziale, politische und kulturelle Auswirkungen fragmentierter Öffentlichkeiten
  • Politik und Macht – Wer kontrolliert den Zugang zu Informationen in der modernen Medienlandschaft?
  • Wie wirken sich wirtschaftliche Konzentrationsentwicklungen auf dem Mediensektor, die u.a. zu multinationalen Plattformen führen, auf die Formierung von nationalen oder regionalen Öffentlichkeiten aus?
  • Welche Rolle spielt das Leitbild von der Teilhabe aller an politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Diskursen?
  • Welchen Einfluss haben gemeinsame oder aber auch voneinander getrennte mediale Diskurse für die gesellschaftspolitische Verständigung in Deutschland, z.B. im Hinblick auf Ost- und Westdeutsche, Menschen aus anderen nationalen Herkunftsländern oder anderer gesellschaftlicher Teilgruppen?
  • Recht: Historische und aktuelle Beispiele erfolgreicher und gescheiterter Medienregulation
  • Fallstudien zur Rolle von sozialen Medien und Algorithmen in der Bildung von Filterblasen / Ist die Blase ein neues Phänomen?
  • Historisierung des Diskurses zu Öffentlichkeit(en)
  • Theoretische Konzepte von Öffentlichkeit(en)
  • Gegenöffentlichkeit und Alternative Medien

Die Tagung wird eine Plattform für den interdisziplinären Austausch bieten und die Möglichkeit eröffnen, neue Forschungsansätze zu diskutieren. Forscher:innen aus verschiedenen Disziplinen sind eingeladen, ihre Arbeiten bis zum 30. Juni 2026 einzureichen. Abstracts (max. 300 Wörter) können an susanne.hennings@dra.de gesendet werden. Die Tagung findet am 1. und 2. Oktober im MDR-Funkhaus in Erfurt statt.

Aktuelle Infos zur Tagung auf www.rundfunkundgeschichte.de

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