Rückblick zur Tagung in Mannheim

Materialitäten – An den Schnittstellen von Rundfunk- und Technikgeschichte
Jahrestagung des Studienkreises Rundfunk und Geschichte im TECHNOSEUM Mannheim

von Uwe Breitenborn

Materialitäten der Mediengeschichte standen im Fokus der diesjährigen Jahrestagung des Studienkreises Rundfunk und Geschichte, die am 28. und 29. Juni 2018 in Kooperation mit dem TECHNOSEUM Mannheim stattfand. Der Tagungsort war für dieses Vorhaben ein Glücksfall und wurde zugleich mit Bedacht gewählt, da das Museum justament am 28. Juni feierlich einen neuen Ausstellungsteil zur Mediengeschichte eröffnete. Das passte also hervorragend. Abzutasten, welche Wege in der aktuellen und künftigen Rundfunkforschung zur Technikgeschichte führen und wie diese zum Verständnis der Mediengeschichte des 20. Jahrhunderts, aber auch der medialen Gegenwart im 21. Jahrhundert nutzbar gemacht werden kann, das war die Intention der Tagung. Wie gehen wir in neuen handwerklichen und künstlerischen Kontexten mit analogem Material und Gerät um? Welche Rolle spielen technische Umgebungen für die Mediengestaltung? Wie kann das technische und handwerkliche Wissen des Magnetbands und der Elektronenröhre zum medienhistorischen Verständnis des 20. Jahrhunderts aufbereitet werden? Braucht es, ähnlich zur Musikgeschichte, eine „historische Aufführungspraxis“ analoger Medien? Welche Berührungspunkte gibt es zwischen Archiv und Technikmuseum?

Die Tagungsteilnehmer wurden zunächst von Alexander Badenoch (Vorsitzender des Studienkreises) und Stefanie Roth begrüßt. Die Leiterin der Abteilung Öffentlichkeitsarbeit im TECHNOSEUM verwies auf die Philosophie des Hauses, sozialgeschichtliche Aspekte der Technikgeschichte zu fokussieren. Naturwissenschaftliche Kenntnisse sind dabei als Voraussetzung für die Technikentwicklung von höchstem Stellenwert. Anschließend überraschte die Leiterin des SWR-Studios Mannheim-Ludwigshafen, Dagmar Schmidt, in ihrer Begrüßung mit einem Exemplar ihrer Magisterarbeit, die sie unter Betreuung der Studienkreis-Urgesteine Friedrich P. Kahlenberg und dem anwesenden Wolfgang Hempel an der Mannheimer Universität geschrieben hat. Ganz nebenbei betonte Dagmar Schmidt damit auch, dass wesentliche Wurzeln der deutschen Mediengeschichtsforschung in dieser lebhaften Region Baden-Württembergs liegen. Im Mittelpunkt ihrer Rede stand jedoch die Frage, wie die Regionalprogramme des Südwestfunks auf die technischen Herausforderungen der Gegenwart reagieren. Das sprachliche Bild vom „Reporter-Rucksack“, der den klassischen Ü-Wagen abzulösen beginnt, stand hier stellvertretend für Miniaturisierungs- und Digitalisierungstrends.

Jürgen Grimm von der Universität Wien setzte in seiner Keynote über Geschichtskommunikation ganz eigene Akzente zum Tagungsthema. Er stellte ein Forschungsdesign vor, bei dem die Wirkung sogenannter Geschichtskommunikate (Filme) länderübergreifend analysiert wurde. Mit teils recht überraschenden Ergebnissen. Er fragt, ob beispielsweise Holocaust-Filme bei der Humanitätsvermittlung (Aggressionskontrolle, Communitas-Fähigkeiten u.a.) funktionieren. So wurde Alain Renais Film „Nacht und Nebel“ (1956) Probanden in acht Ländern vorgespielt und danach Einstellungsänderungen registriert. Interessant war der Misanthropie-Effekt, der vor allem in Deutschland und Österreich festgestellt werden konnte. In der Diskussion wurde berechtigter Weise kritisch nachgefragt, inwieweit diese Effekte nicht zu kurzfristig angelegt sind, da sich Einstellungsänderungen eher längerfristig vollziehen.
Im ersten Panel „Arbeitsumgebungen“ näherte sich Kiron Patka (Tübingen) in seinem „Werkstattbericht“ dem „Sehnsuchtsort Pult“, womit er auf geschlechtsspezifische Rollenmuster in technischen Berufen in der Radioproduktion nach 1945 aufmerksam machte. Es ist durchaus beklemmend zu registrieren, dass Frauen noch in den siebziger Jahren aus wichtigen Berufs- und Ausbildungsfeldern systematisch ausgegrenzt waren. Frauen und Männer arbeiteten als Tontechniker/innen; von Tätigkeiten technischer Kontrolle am Mischpult waren Frauen aber kategorisch ausgeschlossen. Frauen standen „am Band“. Der unbedarfte Schlager „Wir sind die Mädchen vom Band“ von Helmut Enz verlieh dieser Erkenntnis eine durchaus bizarre Note. Die anschließende rege Diskussion offenbarte die Notwendigkeit, Genderaspekte in der Technikbetrachtung stärker in den Blick zu nehmen und dabei vergleichend die Entwicklung in der DDR zu betrachten.
Im zweiten Panel ging es um Medienarchäologien. Archäologie ist die Wissenschaft von den sichtbaren Überresten alter Kulturen, von der schichtweisen Freilegung verdeckter Befunde. Einen experimentellen Zugang zur Medienarchäologie beschrieb Stefan Krebs (Luxemburg) am Beispiel der Geschichte der Kunstkopf-Stereophonie. Gemeinsam mit dem Bayrischen Rundfunk wurde 2016 ein Hörspiel mit historischer Kunstkopf-Technik umgesetzt, das gleichzeitig auch als künstlerische Performance daherkam. Sein Vortrag stellte diesen Ansatz einer experimentellen Medienarchäologie als heuristisches Mittel vor, das helfen kann, ein historisch-kritisches Verständnis für die sozio-technische Konstruktion von Medieninhalten und zugleich einen quellenkritischen Blick zu entwickeln, indem man die handwerklichen Abläufe praktisch nachvollzieht Im zweiten Vortrag des Panels widmete sich Andre Dechert von der Uni Augsburg der Frage, wie der Programmaustausch hinsichtlich amerikanischer Serien bis in die sechziger Jahre organisiert war. Entsprechend der damaligen Bildstandards wurden 16mm-Kopien zu den Sendern transportiert, die diese nach Ausstrahlung weiter- oder zurückgeben mussten. Dieses ans Material gebundene und damit aufwendige Distributionsverfahren und die darin involvierten Akteure waren in den ersten beiden Nachkriegsjahrzehnten Vorboten transnationaler Fernsehmärkte, die sich bis heute immer mehr verdichteten und ausdifferenzierten.

Der zweite Tagungstag begann mit den Arbeitstreffen der Fachgruppen des Studienkreises: Rezeptionsgeschichte, Radiofeature, Speicherkulturen und Rundfunkhistorische Gespräche. Zudem wurde eine neue Gruppe zur Technikgeschichte ins Leben gerufen, die thematisch eng mit der Speicherkulturen-Gruppe korrespondieren soll. Anke Keller, die Kuratorin der neuen Ausstellung „Mediengeschichte“ im TECHNOSEUM, führte im Anschluss die Tagungsteilnehmer durch die Ausstellung und konnte dabei nochmal exklusiv das museumsdidaktische Konzept erläutern.

Den Start ins finale Panel der Tagung übernahmen Britta Herrmann und Vera Mütherig (Münster), die in ihrer Präsentation die Materialität und Ästhetik audiomedialer Texte am Beispiel einiger Hörspiele unter die Lupe nahmen. Aus einem eher literaturwissenschaftlichen Kontext heraus fragten sie nach der ästhetischen Funktion von Materialität im akustischen Erzählen. Hört man eine Materialität des Digitalen? Die „Hyperbrillianz des Digitalen“ scheint Materialitäten zu verdecken, aber die Forscherinnen konnten zeigen, welche historisch neuen Spuren hörbar werden. Auch der oft beschriebene „Bruch mit dem Analogen“ sei so nicht klar zu konstatieren.
Um „Verschaltungen“ ging es bei Christina Dörfling aus Berlin, die bereits eine Masterarbeit zur Geschichte des Schwingkreises verfasst hat und nun im Bereich Musikwissenschaft an der Universität der Künste (UdK) promoviert Auf der Tagung stellte sie Ihr Thema vor und referierte über das Eindringen des Rundfunks in die Ausbildung von Musikern, wie sie ab 1930 in der Berliner Rundfunkversuchsstelle institutionalisiert wurde. Am selben Ort befindet noch heute ein Tonstudio der UdK. Der Vortrag offenbarte die engen Abhängigkeiten, die zwischen Musikkultur und technischer Akustik seit dem Erscheinen des Rundfunks in der Übertragungs-, Aufzeichnungs- und Herstellungspraxis bestehen – auch in digitalen Zeiten.
Mit der einstigen gesellschaftlichen Funktion von Radio Free Europe beschäftigt sich Anna Grutza, die als wissenschaftliche Mitarbeiterin im Bereich Germanistik/Medienwissenschaft der Europa-Universität Flensburg arbeitet. Neue Erkenntnisse zu diesem spannenden medienhistorischen Kapitel des Kalten Kriegs hat sie in ihrem Vortrag zur Macht der „unveränderlichen mobilen Elemente“ in Aussicht gestellt, die sie vor allem mit Hilfe der Akteur-Netzwerk-Theorie des französischen Soziologen und Philosophen Bruno Latour gewinnen will. Latour denkt sich soziale, technische und natürliche Objekte als gleichberechtigte Punkte einer Netzwerkstruktur, deren Betrachtung ein neues Bild von historischen Orten und Institutionen ergeben soll. Die Diskussion zeigte, dass ein vergleichender Blick auf andere, historisch besser erschlossene Felder der Rundfunkpropaganda auch für die Einordnung des Materials von Radio Free Europe nützlich sein kann.

Auch Digitalisierung funktioniert nicht ohne Materialitäten, wie Kai Knörr, stellv. Vorsitzender des Studienkreises, gleich zu Beginn der Tagung feststellte. Die Tagung hat dieser Erkenntnis einige Facetten hinzugefügt. Auch die frische Mediengeschichtsausstellung im TECHNOSEUM lieferte hierfür zahlreiche Belege. Festzuhalten bleibt, dass die Reihe der Jahrestagungen, vor allem mit denen in Wien (2015) und Potsdam (2016) eine beachtliche thematische Konsistenz aufweist. Das wird im kommenden Jahr fortgesetzt, wenn der Studienkreis sein 50-jähriges Jubiläum in Baden-Baden beim SWR begeht. Das Thema der international zugeschnittenen Tagung 2019 wird dann „Media-Translations/Übersetzungen“ lauten.

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